Romys Recovery RealiTea

Romy Hörbe

#2 Die vielen Gesichter der Essstörung anhand meiner persönlichen Geschichte

Entdecke die versteckten Botschaften hinter deinen Essverhalten

16.04.2025 38 min

Zusammenfassung & Show Notes

In dieser Episode tauche ich tief in die verschiedenen Formen von Essstörungen ein – aber nicht mit trockenen Definitionen, sondern durch die Linse meiner eigenen 20-jährigen Geschichte. Von emotionalem Essen in der Grundschule über Magersucht, Bulimie, Abführmittelmissbrauch bis hin zu Orthorexie und Sportsucht – ich teile, wie diese Störungen ineinander übergehen können und was wirklich dahintersteckt. 

Die Wahrheit ist: Eine Essstörung ist niemals nur ein Gewichtsproblem oder ein Problem mit Essen. Das sind lediglich die oberflächlichsten Symptome. Was ich dir in dieser Folge vermitteln möchte, ist ein völlig neuer Blick auf Essstörungen – als Bewältigungsstrategien und sogar als Lehrer. 

Du erfährst: 
• Warum auch eine atypische Anorexie (im Normalgewicht) genauso gefährlich ist 
• Wie Orthorexie in unserer "Gesundheitsgesellschaft" oft übersehen oder sogar anerkannt wird 
• Warum das ständige Fokussieren auf Gewicht in Kliniken oft zum "Klinik-Pingpong" führt 
• Welche tieferen Funktionen Essstörungen erfüllen können – von Emotionskontrolle bis Selbstausdruck 

Es ist mir wichtig, dir zu zeigen: Deine Essstörung ist nicht dein Feind. Sie war deine beste Lösung in einem Moment, als du keine bessere hattest. Zu verstehen, was sie für dich tut, ist der Schlüssel, um sie arbeitslos zu machen und gesündere Wege zu finden. 

Wenn du spürst, dass deine Beziehung zum Essen mehr ist als nur Kalorien und Gewicht – dann ist diese Episode für dich. Ich lade dich herzlich ein, genauer hinzuschauen und deine Essstörung vielleicht als den größten Lehrer deines Lebens zu sehen, den du Schritt für Schritt loslassen darfst. 

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Über Romy Hörbe - Coach für entspanntes Essverhalten und Körperakzeptanz
Neue Episode jeden Mittwoch um 6 Uhr

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Meine Ausbildungen
  • CCI Certified Eating Disorder Recovery Coach (Carolyn Costin Institute, USA)
  • Zertifizierter Systemischer Coach (Coaching Akademie Weimar-Wiesbaden)
  • Identity Transformation Coach (All In Academy Jackie Sharon Tamblyn)

Dieser Podcast ersetzt keine professionelle therapeutische oder medizinische Betreuung. Bei akuten gesundheitlichen Problemen wende dich bitte an entsprechende Fachpersonen.

Transkript

Hallo und schön, dass du hier bist bei Romy's Recovery Reality. Ich bin Romy Hörbe und nach 20 Jahren Essstörung vollständig recovered. Heute lebe ich mein bestes Leben, ohne Masken, aber mit ganz viel Lebensfreude und Authentizität. Meine Mission ist es, lebenshungrigen Frauen zu helfen, genau das Gleiche zu tun. Dieser Podcast ist für dich, wenn du dir tiefe Transformation statt reiner Symptombekämpfung wünschst. Ich nehme dich mit auf den Weg in die Freiheit und teile ungeschminkt, was mir wirklich geholfen hat. Mit Herz, Klarheit und der Expertise als Deutschlands erster CCI-zertifizierter Recovery Coach. Mach es dir gemütlich mit deinem Lieblingstee und lass uns gemeinsam entdecken, wie viel größer dein Leben jenseits der Essstörung sein kann. Ich möchte heute über die unterschiedlichsten Arten von Essstörungen sprechen, aber nicht etwa wie ein Google-Beitrag, weil das kannst du selber recherchieren, sondern ich möchte dich anhand meines eigenen Weges mit in die unterschiedlichsten und häufigsten Formen von Essstörungen nehmen, denn was häufig passiert und gar nicht so selten ist und auch mir in meinen 20 Jahren Essstörungsgeschichte passiert ist, ist, dass sich Essstörungen auch verlagern können, beziehungsweise wir manchmal so von einer in die nächste rutschen. Und deswegen dachte ich, wir schauen nochmal tiefer rein. Was ist jetzt eigentlich, welche Essstörung, was kennzeichnet sie, aber vor allem eben auch, was steckt eigentlich auch dahinter? Also ich möchte mit dir in die dahinterliegende Sprache deiner Essstörung eintauchen und da auch einen Blick drauf werfen. Was bedeutet es eigentlich? Denn ich finde immer noch, dass viel zu sehr im allgemeinen Bild nach außen dieses Vorteil herrscht, dass es eben ein Gewichtsproblem ist oder ein Problem mit Essen oder Nicht-Essen. Aber eigentlich ist das wirklich nur das alleroberflächlichste Symptom und was wirklich dahinter steht und wie das sich eben auch in meiner Geschichte ausgewirkt hat, das möchte ich heute mit dir teilen. Und dafür möchte ich dich bereits mitnehmen in meine Grundschulzeit. Denn in der Grundschule war für mich Essen bereits sehr, sehr emotional besetzt. Also ich war so diejenige, die ihr Essengeld nicht in der Schule abgegeben hat fürs Mittagessen, sondern abgespart hat, beziehungsweise sich aufgehoben hat, um nach der Schule einkaufen zu gehen und mir, ach ich glaube, ich weiß gar nicht mehr, Kinder Bueno und Schokolade, weiße Schokolade, Chips, also all diese ganzen Soulfood, Fastfood, ja, diese Geschichten eben zu kaufen, anstatt eben etwas Richtiges zu essen. Und das habe ich nicht gemacht, weil ich keinen Hunger gehabt habe, nee. Aber ich hatte irgendwie das Gefühl, ich brauche dieses Gefühl von Wohlbefinden, von Süße, von diesem Salzigen. Also mir hat so richtig etwas gefehlt und es war sehr, sehr emotional für mich besetzt und war fast schon damals mein Tageshighlight, mich eben dann mit meinen ganzen Leckereien irgendwo gemütlich hinzusetzen und die ganz alleine für mich zu essen. Und es hat mir immer ein gutes Gefühl gegeben, hat mich irgendwie auch getröstet, denn ich war eher immer der Typ Außenseiter, auch in der Grundschule schon. Und mit meinem Essen habe ich mich einfach weniger allein gefühlt und hatte irgendwie das Gefühl, ja, Freude zu haben. Und emotionales Essen ist ja auch etwas, also es ist keine allgemeine Diagnose, aber etwas, was sehr, sehr häufig verbreitet ist und auch nicht unbedingt schlimm. Also eigentlich auch, wie gesagt, sehr, sehr typisch, denn auch bei Feierlichkeiten oder Events oder Weihnachten, Geburtstage, da essen wir ja auch emotional und nicht, weil wir, weiß ich nicht, Hunger haben oder keine Ahnung was. Ein Problem wird emotionales Essen eben erst dann, wenn es die einzige Lösung ist, um mit unseren emotionalen Problemen umzugehen. Wenn es das einzige Mittel ist, was wir haben, uns zu trösten, so wie es eben, ja, für mich damals auch so ein bisschen der Fall war. Und es kann sich, wenn man eben dazu auch veranlagt ist, beziehungsweise auch da keine anderen Wege findet, auch später eine Binge-Eating-Störung entwickeln. Und ja, das ist, wie gesagt, auch gekennzeichnet, beziehungsweise ist ja auch eine große Angst, die eben passiert, gerade wenn man aus einer Magersucht oder aus einer restriktiven Essstörung kommt, dass dann oft so dieses Gefühl kommt von, aber was, wenn ich jetzt Binge-Eating entwickle? Deswegen möchte ich da gerne als allererstes mit dir einsteigen. Was ist eigentlich Binge-Eating? Also ich selber hatte nie klassisches Binge-Eating, denn Binge-Eating ist gekennzeichnet durch Essanfälle, die innerhalb von mindestens drei Monaten, also mindestens einmal pro Woche auftreten. Und ganz, ganz entscheidend, da ist aber keine Hungerperiode vorausgegangen. Oder man isst eben auch wirklich große Mengen in, also die untypisch groß sind in sehr kurzer Zeit, also die auch untypisch ist für jetzt gesunde Menschen, die zum Beispiel starken Hunger haben oder so. Wie gesagt, für Binge-Eating brauchst du keinen Hunger. Und du versuchst damit eigentlich ein emotionales Gefühl zu erzeugen oder wegzubekommen. Also ich sage so, dieses Klassische ist auch diese innere Leere zu füllen. Und dieses Fass wird aber einfach nicht voll, egal wie viel Essen du da oben reinschüttest. Und dieses Gefühl eben, das nicht füllen zu können und essen zu müssen und dieser Drang danach ist so, so stark, dass es sich eben auch anfühlen kann wie ein Kontrollverlust und das eigentliche Problem geht damit aber nicht weg. Und kann eben wirklich auch dazu fühlen, dass man sich wirklich, also starke Übelkeit, sich sehr, sehr schlecht fühlt, auch Verdauungsprobleme damit bekommt. Und vor allem emotional auch wahnsinnig viele Schuldgefühle, aber auch Scham oder auch Ekel nach den Essanfällen. Und im Gegensatz zur Bulimie oder eben auch zur Magersucht mit dem Binge-Purch-Type, also wo eben auch Essanfälle vorkommen können, gibt es hier aber kein kompensatorisches Verhalten. Also es wird nicht gegenkompensiert, um den Schaden wieder gut zu machen, bitte in Anführungszeichen hören, wie zum Beispiel Erbrechen oder Exzessivensport oder Abführmittelmissbrauch oder auch wie bei Diabetikern, die ihre Insulindosen dann vielleicht verändern. Also das findet bei Binge-Eating-Störungen nicht statt. Und Menschen sind eher normal oder aber auch übergewichtig, aber kann eigentlich auch in jeder Körperform auftreten. Und das Essen wird hier eben, wie gesagt, hauptsächlich als Bewältigungsmechanismus für negative Emotionen eingesetzt. Und das kann eben zu einem sehr starken Leid auch führen. Wie gesagt, Nebenwirkungen sind davon Übergewicht, Diabetes, aber auch Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Und ich weiß, es ist eine der größten Ängste, wie gesagt, genau da reinzufallen, weil wenn man sich aus einer restriktiven Essstörung wie eben der Magersucht, auf die ich auch gleich nochmal näher eingehe, rausholt, dann kann sich das genauso ähnlich anfühlen. Dieses, oh Gott, ich muss essen und ich bin wie ein Fass ohne Boden und es hört einfach nicht auf. Aber das ist was anderes. Das ist Extremhunger. Da werden wir an anderer Stelle in diesem Podcast auch nochmal drauf eingehen. In meinem Fall hat es sich damals so entwickelt, dass ich aus diesem sehr emotionalen Essen, also das war ja für mich eher, wie gesagt, eine Belohnung oder aber auch ein Trost, dann irgendwann umgekehrt hat in genau das Gegenteil. Also in Restriktion und Selbstbestrafung. Wenn ich das Gefühl hatte, Mensch, eigentlich hast du Essen gerade gar nicht verdient oder die Person, die du sehr, sehr magst. Also ich hatte eine Sympathie dann auch zu meiner Englischlehrerin. Gut für mein Englisch, für den Rest nicht so. Und ich habe irgendwann das Essen davon abhängig gemacht, darf ich was essen oder nicht, je nachdem, wie freundlich sie war. Und sie war jetzt nicht gerade als die freundlichste Lehrerin bekannt, aber ich mochte sie halt trotzdem, wahrscheinlich auch, weil sie ein Außenseiter in der gefühlten Wahrnehmung war, also jetzt nicht gerade die beliebteste Lehrerin. Aber für mich war es eben ein Signal von, wenn sie nett zu mir war oder wenn sie gelächelt hat oder keine Ahnung, was auch immer ich da gedeutet habe, dann durfte ich essen und wenn nicht, dann nicht. Also es ist sehr, sehr schnell auch in einen Selbstbestrafungsmechanismus gerutscht, und ich habe dann angefangen, so ab der fünften Klasse sehr, sehr wenig zu essen. Ich sage jetzt mal nicht was, weil wie gesagt, Essstörungen vergleichen sich ja auch wahnsinnig gerne. Also auch das ist was, was wir hier nicht machen werden. Ich werde hier keine Zahlen nennen und nichts, weil es geht, wie gesagt, nicht ums Gewicht und wir wollen hier auch keine Vergleiche triggern. Und jedenfalls ist es bei mir, wie gesagt, dann in die Magersucht gekippt. Und Magersucht bedeutet ja eine Gewichtsabnahme unter einem Minimum BMI. Das ist der Teil, den ich nicht erfüllt habe. Dazu auch gleich nochmal mehr. Und man sagt, wenn man so 15 Prozent vom eigentlichen Körpergewicht abnimmt, beziehungsweise in den Kliniken wird es eben leider auch immer noch nur an dem BMI festgemacht, dass es eben die klassische Magersucht oder Anorexie ist. Und sie ist gekennzeichnet durch eine intensive Angst, Vorgewichtszunahme durch eine verzerrte Körperwahrnehmung, wobei auch das nicht immer unbedingt der Fall ist. Also ich kenne auch viele Betroffene, die durchaus eine realistische Einschätzung ihres Körpers haben, aber eben trotzdem die riesige Angst zuzunehmen. Oder eben auch wie in meinem Fall, dass ich mich doch häufig auch wirklich verzerrt wahrgenommen habe, beziehungsweise auch gar nicht sehen konnte, wie schlimm es eigentlich war. Und hier kommt es eben wirklich zu einer sehr, sehr starken Einschränkung der Nahrungsaufnahme, die eben dann auch zu einem starken Gewichtsverlust führt in der klassischen Anorexie. Oft auch gepaart mit exzessivem Sporttreiben. Und die Sterblichkeitsrate bei Anorexie ist extrem hoch, also liegt tatsächlich auch nicht nur an der Mangel- und Unterernährung, beziehungsweise eben auch an so lebensbedrohlichen körperlichen Komplikationen wie Herzrhythmusstörungen, Knochenschwund, Kormonstörungen. Also das bringt ja alles in den Körper durcheinander, sondern eben vor allem auch an den mentalen Aspekten. Denn es kommt sehr, sehr häufig auch mit Depressionen einher und macht es auch deswegen wahnsinnig gefährlich. In meinem Fall war es wie gesagt so, dass ich zwar wahnsinnig wenig gegessen habe und auch abgenommen habe, weswegen auch meine Mama darauf aufmerksam geworden ist und mich mit elf Jahren bereits beim Psychologen vorgestellt hat. Aber da ich noch im Normalgewicht war, habe ich erst mal die Aussage bekommen, ach nö, das mit dem Gewicht, das ist jetzt kein Problem. Und mit dem Essen, das kriegen wir schon hin. Sollte sich herausstellen, es hat sich noch 20 Jahre hingezogen, bis wir das wirklich hingekriegt haben. Denn ich bin damals eigentlich in das Muster der atypischen Anorexie gefallen und das Spannende an der atypischen Anorexie ist, also sie zeichnet sich durch alle Anzeichen von Anorexie, aber im normalen Körpergewicht. Also genau das, was ich eben noch hatte. Und tatsächlich ist es so, dass eigentlich die atypische Anorexie die viel typischere ist, denn nur ungefähr 6% aller Betroffenen mit Essstörungen sind untergewichtig. Bedeutet, sie ist eigentlich die häufigste Form, aber auch eine sehr unerkannte und fällt häufig auch überhaupt nicht auf, weil nach außen hin sehen ja Betroffene total normal aus. Und das ist aber super gefährlich, weil eben aufgrund dieses fehlenden Gewichtsverlustes diese Essstörung nicht erkannt wird. Und gleichzeitig ist es genauso gefährlich. Also es können die gleichen Folgeschäden aufgrund der Mangelernährung eben eintreten. Und ja, auch das kann lebensgefährlich sein. Und ich selber habe inzwischen auch Betroffene kennengelernt, die normalgewichtigen oder eben sogar in mehrgewichtigen Körpern waren und deren Körper aber auch die ganzen klassischen Anzeichen angezeigt haben. Also Periodenverlust oder sehr unregelmäßige Periode. Ja, einfach all das Leid oder auch die Ängste vor den Lebensmitteln, eine starke, strenge, eingeschränkte Ernährung. Also wirklich all diese Sachen sind da. Und ich erlebe das auch häufig in meinen Coachings oder in Vorstellungsgesprächen, dass ich fast schon entschuldigt wird im Sinne von, ja, aber ich bin ja normalgewichtig. Vollkommen egal. Das macht dein Leid ja nicht anders. Und ich wünschte, das hätte damals bei mir jemand gesehen, dass eben, obwohl ich ja das normale Gewicht hatte, es mir einfach nicht gut ging. Und ich eben trotzdem das Augenmerk darauf gebraucht hätte, dass man mir einfach dort auch schon hilft. Weil ich hatte ja keine Ahnung. Ich habe nur für mich damals mitgenommen, ach so, das mit dem Essen ist gar nicht so schlimm. War natürlich jetzt nicht gerade so ein hilfreiches Signal. Und was dann bei mir passiert ist, ist so mit 12, 13 ungefähr. Denn diese krassen Restriktionsphasen habe ich nicht lange durchgehalten, was mich gleich wieder mit dem nächsten Stempel, du bist nicht diszipliniert genug, ja, verbunden hat. Also den habe ich mir selber damals aufgelegt, war die Bulimie. Und bei Bulimie, da sprechen wir darüber, also eigentlich klassisch bekannt ja als die Essbrechsucht. Wobei sich aber das bulimische Verhalten, also hier gekennzeichnet eben auch durch wiederholte Episoden von Essanfällen, bei der ebenfalls, also wie beim Binge-Eating, große Mengen an Nahrung in kurzer Zeit verzehrt werden. Auch mindestens einmal pro Woche über mindestens drei Monate. Und hier kommt es aber eben dann zu wiederkehrenden, kompensatorischen Verhalten, wie zum Beispiel Erbrechen. Aber, und das war bei mir damals der Fall, deswegen habe ich auch die Bulimie für mich nicht erkannt, weil es einfach damals überhaupt kein Thema war. Und ich nur gedacht habe, okay, ja, okay, es gibt die Bulimie. Also ich habe es ja auch von Kliniken dann immer schon mal mitgekriegt, dass es eben ja das auch gibt. Es gab irgendwie die Magersüchtigen und dann gab es die Bulimiker. Und ich war irgendwie so nix davon. Denn bei mir war es dann eher so, dass ich wirklich, also auch hier verbunden mit einer Angst vor einer Gewichtszunahme, ständiger Beschäftigung mit Figur und Gewicht. Und auch hier ist das Selbstwertgefühl natürlich stark von Körperform, aber auch dem Gewicht abhängig. Und dieses kompensatorische Verhalten, also kann auch exzessiver Sport sein, auch etwas, was, wie gesagt, manchmal gar nicht so reinzutrennen ist, war bei mir damals der Abführmittelmissbrauch. Doch, also da ich, also ich habe es auch relativ früh schon versucht, ob ich das Essen eben über Erbrechen wieder loswerden kann. Und ich sage heute immer, na Gott sei Dank hast du das nicht hingekriegt. Was aber eben passiert ist, und ich habe keine Ahnung mehr, wie ich darauf gekommen bin, und ich kann es auch nachdrücklich niemandem empfehlen, und es ist auch wirklich total sinnlos, ist der Abführmittelmissbrauch. Also ich habe dann wirklich, und da kam mein Gefühl von Scham auch extrem rein, also ich bin wirklich dann in fünf unterschiedliche Apotheken gerannt und habe mir Abführmittel gekauft, musste wirklich genau vorausplanen, wann muss ich die Abführmittel nehmen, wann kann ich meinen Essanfall haben, damit das dann mit den Abführmitteln noch so klappt, dass ich dann nur nachts aufs Klo muss, wo alle schlafen und es niemals niemand mitkriegt. Also es war eine Zeit von krasser Heimlichkeit, von Megaschuldgefühlen, auch kostenintensiv, sowohl für das Essen als eben auch für die Abführmittel. Und ich hatte nicht viel Taschengeld. War sehr, sehr schwierig für mich. Plus diese körperlichen Begleiterscheinungen. Also ich erinnere mich wirklich noch dran, wie ich nachts mit Krämpfen versucht habe, mich meine zwei Etagen aus meinem Dachgeschosszimmer nach unten in das weit entfernteste Bad zu schleppen und wirklich mit Krämpfen und Übelkeit auf dem kalten Badfußboden oder Flurboden lag und einfach nur gehofft habe, dass es vorbeigeht. Nur um am nächsten Morgen mit dem Gefühl eines flachen Bauches aufzuwachen. Aber, und das ist so das perfide an der Sache, ja, wir sind das Essen zwar auf einer Seite wieder losgeworden, aber die Kalorien wurden aufgenommen. Das heißt, das, was ich verloren habe, war nur Wasser und wertvolle Elektrolyte und mein kompletter Körper ist durcheinander gekommen. Und das ist eben auch eine Riesengefahr bei der Bulimie, dass es eben hier wirklich auch zu Elektrolytstörungen kommen kann. Und wenn man es eben wirklich auch erbricht, das Essen dann zu Zahnschäden durch Magensäure und eben, ja, wirklich auch aufgrund des ganzen Ungleichgewichts zu lebensbedrohlichen Herzproblemen, Herzstillstand, all diese Sachen. Oder aber auch, auch sehr, sehr übel, dass eben wirklich der Magen sich so sehr dehnt, dass es auch zu Magendurchbrüchen kommt. Also es ist nicht zu unterschätzen, was das auch an, ja, an Folgeschäden hat. Bei mir war es damals dann so, dass meine Hormone total durcheinander gekommen sind. Und das war auch das, was mich zum Aufhören wiedergebracht hat, weil ich festgestellt habe, okay, irgendwas passiert hier in deinem Körper. Also der hat total rebelliert. Und ich habe alle zwei Wochen meine Periode bekommen. Da ich das auch ganz schrecklich fand, habe ich dann gedacht, nee, du musst es irgendwie wieder verändern. Ich musste auch stetig die Dosis der Abführmittel steigern. Also ich konnte es mir nicht mehr leisten. Ich habe es auch nicht mehr durchgehalten, nicht mehr ausgehalten. Es war mit so viel Scham verbunden, dass mich das wirklich, und das ist der, das klingt jetzt vielleicht blöd, aber der Vorteil einer Bulimie ist, dass der Leidensdruck teilweise noch stärker ist als bei einer Magersucht, wo man ja sehr viel das Gefühl auch von Kontrolle hat, was ja auch eine der Funktionen ist. Hier hatte ich jedenfalls das Gefühl eines absoluten Kontrollverlustes. Und das zog sich so einige Jahre hin, wie gesagt, so in den unterschiedlichsten Formen. Später habe ich es dann doch auch mit Erbrechen hinbekommen. Das heißt, es lief auch eine Weile. Und so in meinen, naja, Anfang 20ern habe ich dann aber gemerkt, so Mensch, das kann es doch nicht sein. Ich will das eigentlich auch nicht mehr, weil die Panik, die ich mit dem Erbrechen dann hatte, bei Abführmittel hatte ich ja nicht mehr, war, dass ich nicht mehr alles loskriege. Also auch hier wieder Kontrollverlust. Und um das Ganze wieder loszuwerden, dachte ich dann, jetzt habe ich den Jackpot geknackt und bin ohne es zu wissen in die Orthorexie gerutscht. Orthorexie ist medizinisch noch gar nicht so anerkannt, kommt aber durchaus inzwischen auch häufiger auf den Schirm, auch als eigene Form von Essstörung. Und das Problem an dieser Geschichte ist, dass es eine unglaublich sozial anerkannte Form ist. Und Orthorexie bedeutet, dass es hier darum geht, vor allem, also es ist die Obsession richtig oder sich gesund zu ernähren, sich sehr rein zu ernähren, sehr clean. Also auch gerade so diese Clean Eating Bewegung, also was ich an Büchern zu Hause habe aus dieser Zeit. Halleluja. Nicht zu unterschätzen. Das heißt, was ich gedacht habe damals war, okay, wenn du schon Essanfälle hast, dann isst doch wenigstens Sachen, die gesund sind, weil dann musst du die ja gar nicht mehr unbedingt loswerden. Ziemlich schlau gedacht. Und eigentlich klingt es ja auch erst mal ganz mitfühlend. Und ja, es hat mich auch aus diesem ganzen Hochunter-Chaos rausgebracht. Aber es ist eben eine neue Obsession geworden. Das heißt, ich habe mir immer mehr Ernährungsregeln auferlegt, immer mehr Rituale, wie etwas zubereitet werden muss. Wann man was essen darf, wie lange die Pausen sein müssen, wie die Lebensmittel sein müssen. Also wie Bio, wie bestimmte Lebensmittel habe ich nicht mehr gegessen, wenn ich sie nicht vorher auch noch eine bestimmte Zeit eingeweicht habe. Also es ist wirklich immer strenger geworden. Es sind immer mehr Lebensmittel verschwunden. Und auch der soziale Rückzug war dann für mich eine logische Konsequenz. Also es ist wirklich so, dass man sich mit Orthorexie auch zunehmend isoliert, um eben diesen ganzen Regeln gerecht zu werden, um eben nicht Gefahr zu laufen, irgendwo etwas Unreines, Uncleanes, Unperfektes essen zu müssen. Und für mich war das damals so dieses Gefühl, also hier geht es tatsächlich auch gar nicht mehr nur ums Dünnsein, für mich tatsächlich auch, aber das hatte noch eine andere Funktion. Sondern mir ging es hier vor allem darum, einerseits die Kontrolle wieder zu kriegen, was ich auch geschafft habe. Weswegen ich auch das Gefühl hatte so, jetzt hast du es, jetzt hast du es echt kapiert. Keine Essanfälle mehr. Du kannst alles essen und du nimmst dabei sogar ab. Also es war auch die Zeit, wo es für mich das allererste Mal auch ins Untergewicht gerutscht ist, auch verbunden mit einer traumatischen Erfahrung, die gleichzeitig eben kam. Das heißt wirklich, dieser Versuch, Kontrolle in mein Leben zu kriegen, war das Alleroberste, was mich damals beschäftigt hat. Und ja, ich habe einfach das Gefühl gehabt, ich habe wahnsinnig viel Belohnung auf einmal auch bekommen. Also ich hatte auf einmal die Disziplin, die ich mir immer gewünscht habe. Ich habe Lob von außen bekommen. So, oh, du ernährst dich so gesund. Boah, das könnte ich ja nicht so durchhalten. Boah, coole Rezepte, die du da hast. Auch meine Mama fand das immer total cool. Sie wusste es ja damals noch nicht. Wobei sie eine der ersten war, die mich darauf angesprochen hat und gesagt hat, du, du hast doch Orthorex. Und ich so, nein, habe ich nicht. Was? Aber ja, auch dieses, also es hat wirklich, wenn es nicht so im kompletten sozialen Rückzug endet, was wie gesagt trotzdem ja bei mir auch der Fall war. Also wenn ich irgendwo hingegangen bin, dann habe ich mein eigenes Essen mitgebracht und meine Healthy Treats und Alternativen und ne, ne, ne. Und manchmal habe ich auch was abgegeben, aber eigentlich war ich super futterneidisch und habe gedacht, nein, das sind meine. Und es war einfach, ja, ich habe auch Leute vom Kopf gestoßen damit, die natürlich, wenn ich zum Geburtstag gehe und dort wird gebacken und wir sind eingeladen und ich komme mit meinem eigenen Brotdöschen, hm, kam nicht so gut an. Und habe ich auch gemerkt, und deswegen war ich auch nicht so scharf darauf, irgendwo hinzugehen. Es hat aber eben, und das ist das perfide an dieser Krankheit und gerade in einer Gesundheits- und Diätgesellschaft, in der wir heute leben, es ist einfach verdammt anerkannt. Und niemand erkennt es wirklich, weil es ist ja sozial attraktiv. Also wenn wir durch Social Media scrollen und vielleicht unseren Algorithmus da auch so ein bisschen versaut haben und der uns wirklich nur noch what I eat in a days und gesundes hier und healthy tralala anbietet, ja, dann ist es natürlich schwierig zu sehen, okay, ich habe hier eigentlich ein Problem. Und auch Markus, also mein Freund, hat damals gesagt, so, naja, eigentlich für mich war das ja ganz praktisch, weil ich habe gesunde, neue Sachen probieren können. Aber er hat ja natürlich auch die anderen Sachen gegessen. Das heißt, er hatte keinen Mangel. Ich habe aber immer mehr Mangelerscheinungen gekriegt. Das heißt, auch wenn das, und das sehe ich auch häufig bei meinen Klienten, auch wenn es eigentlich eine total gesunde, höre es bitte in Anführungszeichen, gesunde Ernährung ist, können wir hier sämtliche Mangelerscheinungen haben. Also Periodenverlust, Nährstoffmängel, Haarausfall, also all die Dinge, Stimmungsschwankungen, Ängste, soziale Isolation, also so, so viele Nebenwirkungen auch, die nicht gesund sind. Das heißt, egal, wie gesund wir uns das verkaufen, es ist faktisch nicht gesund, sich so sehr einzuschränken. Und es ist auch nicht gesund. Und das ist das, was ich damals gemacht habe. Ich glaube, Markus ist damals fast durchgedreht. Er musste in jeder neuen Stadt, in jeden Biomarkt mit mir. Und das, was ich wirklich exzessiv gemacht habe und was mein absolutes Haupthobby war, war einerseits Instagram, what I eat in a days schauen, oder YouTube, what I eat in a days schauen, besonders die Klinien natürlich. Oder aber eben Kochbücher. Also damals kam auch gerade auf diese Zeit von Ella Mills, also Deliciously Ella, die Hemsley-Schwestern, also alles, was eben so gesund ist und wie man das zubereiten soll. Davon hatte ich wirklich Kochbücher ohne Ende. Also irgendwie jede Woche kam ein neues Kochbuch an und ich habe die wirklich intensiv studiert und meinen mentalen Hunger, ein anderes Thema, da kommen wir auch nochmal drauf, versucht damit zu stillen. Beziehungsweise war eben dann im Biomarkt und habe wirklich jeden neuen Foodtrend angeguckt und analysiert und geguckt, wie sind die Inhaltsstoffe. Also du hättest mich locker ein, zwei Stunden im Biomarkt abstellen können und ich wäre glücklich und super beschäftigt gewesen. Gekauft habe ich übrigens fast nichts, weil ich wollte ja nur gucken. Das heißt, es war wirklich also eine sehr, sehr krasse Zeit auch, die ich wie gesagt für mich aber gar nicht so mitbekommen habe. Und was eben als Wunsch nach einer ausgewogenen Ernährung beginnt, kann sich dann durchaus auch zu diesem zwanghaften Verhalten entwickeln, wenn man so bestimmte Grundeigenschaften auch hat. Also ich sage immer, damit so eine Essstörung auch entsteht, braucht es mehrere Grundkomponenten, die zusammenkommen. Also zum Beispiel eben, es kann angetriggert werden, also gerade die restriktiven Essstörungen durch einen Gewichtsverlust, also dass da einfach wirklich eine genetische Antwort auch angeschalten wird, aber eben auch durch verschiedene Charaktereigenschaften. Zum Beispiel sehr perfektionistische Menschen oder sehr kontrollierende Menschen oder sehr disziplinierte Menschen. Die sind natürlich anfälliger dafür, weil sie das auch durchhalten. Und wenn dann im Außen noch etwas passiert, also so dieser perfekte Sturm sich kreiert im Sinne von vielleicht noch etwas Unkontrolliertes, traumatische Ereignisse, Trennungen, also Todesfälle, all diese Dinge, die können eben dazu führen, dass wir dann genau in solche Verhaltensmuster auch reingehen und noch mehr versuchen zu kontrollieren und dann entweder eine Orthorexie oder eine Anorexie. Und wie gesagt, dass beides zusammen auftritt, ist überhaupt nicht selten, weil man ist ja immer weniger in der Regel. Ja, dann eben wirklich auch sich damit wirklich die Lebensqualität drastisch einschränkt, auch wenn es sich eben, wie gesagt, gar nicht so schlimm anfühlt, was das Gefährliche daran ist. Und ich selbst habe diese Form eben auch erlebt und es war auch genau der Zeitpunkt, an dem ich dann 2018 erst, also wie gesagt, als Störung angefangen, als ich so 8, 9 war, eigentlich wie gesagt, mit dem emotionalen Essen sogar fast noch früher, die Diagnose mit 30 oder 31. Nagel mich nicht darauf fest. Und ich habe es überhaupt nicht verstanden, weil ich habe gedacht, das kann doch nicht sein. Jetzt, wo ich mich wohlfühle, na, ich war viel zu dünn, dann doch, aber ich habe es halt nicht gesehen, ist auch ein Schutzmechanismus übrigens des Gehirns, dass wir gar nicht mehr sehen, wie dünn wir sind. Plus, ich hatte es jetzt unter Kontrolle, ohne die Essanfälle und dann kriege ich die Diagnose. Ich habe gedacht, das kann doch jetzt nicht wahr sein. Jetzt, wo ich es im Griff habe, jetzt, wo es mir gut geht, jetzt, wo ich einigermaßen zufrieden mit mir bin, jetzt kriege ich die Diagnose. Was ist mit euch? Ja, und dann fürkte das Arbeitsverbot. Das heißt, ich war natürlich erst mal im absoluten Widerstand, eben aufgrund dieser Diagnose, beziehungsweise, wie gesagt, Orthorexie wurde mir ja nicht diagnostiziert, aber eben die Magersucht. Und etwas, was auch damit häufig einhergeht, also kann sowohl ein eigener Zweig sein, nämlich die Sportsucht oder Exercise Addiction, kann als eigenständige Störung auftreten, häufig aber eben auch in Begleitung mit Magersucht oder aber auch mit Orthorexie oder auch mit Bulimie. Also man kann auch mit Sport, wie gesagt, sehr, sehr krass, gegensteuern. Und hier zeichnet sich die Sportsucht vor allem durch ein exzessives Sporttreiben, auch zwanghaft, also auch nicht stoppen zu können. Weitermachen, trotz Krankheit, trotz Verletzungen, trotz Erschöpfung, also wirklich über die körperlichen Grenzen hinaus. Und wenn man das nicht macht, dann eben wirklich auch Entzugserscheinungen wie eine Reizbarkeit, wenn man nicht trainieren kann. Stress, wenn man im Urlaub ist, nicht mehr wirklich still sitzen, still liegen zu können. Und ja, auch hier eben häufig Periodenverlust, also auch gerade bei Sportlern sehr, sehr häufig, die eben viel trainieren. Und auch das wird häufig als eine gesunde Sucht verharmlost und gar nicht so wahrgenommen, weil auch hier sagt uns ja die Gesellschaft, es ist ja gesund, Sport zu treiben. Man soll ja Sport treiben. Oder häufig wird es auch, sogar auch für mangelernährte Menschen empfohlen, wenn sie Probleme haben, Schmerzen haben, ja dann bewegt dich ein bisschen, mach Sport, fahr Fahrrad, mach keine Ahnung was. Aber das bringt einen ja nur noch mehr in den Energiedefizit. Und auch bei mir war es eine Begleiterscheinung. Also ich habe das dann auch gemerkt, in dem Moment, wo ich wie gesagt die Diagnose hatte, hieß es dann auch, ich darf nicht mehr joggen gehen, was ich dort mir sehr exzessiv angewöhnt hatte. Und ich bin so in Widerstand gegangen. Also wirklich, ich habe dann gemerkt, uiuiui, also die Reaktion ist jetzt aber doch nicht mehr normal und ich konnte nicht einfach aufhören. Also es ist wirklich dieses zwanghafte Gefühl, nee, ich muss das jetzt machen, ansonsten gehe ich an die Decke. Und dennoch habe ich mich, wie gesagt, gerade da ja dann auch für die Recovery entschieden, nach ein paar Monaten und diesem ganzen Kreislauf. Wie gesagt, das ist ja mal eine andere Geschichte noch. Wir wollen heute mal bei den Diagnosen bleiben. Aber was gut dazu passt, ist auch eine noch relativ ungewöhnliche, beziehungsweise auch eher bei Männern vertretene, Essstörungsform, nämlich die Bigorexie oder Muskelsucht oder auch Muskeldysmorphie. Also das kennzeichnet sich vor allem damit, dass man eben versucht, immer mehr Muskeln aufzunehmen, den Körper nicht muskulös, nicht definiert genug, nicht sportlich genug einfach auch empfindet und hier wirklich wahnsinnig viel Zeit im Fitnessstudio verbringt. Auch hier Fokus natürlich auf Ernährung, Proteinreich, Pipapo, also all diese Dinge. Und was ich häufig erlebe und wo ich beinahe auch reichen gerutscht wäre, war für mich dieses trotzige, okay, wenn ich denn dann schon zunehmen muss, damit ich wieder arbeiten gehen darf, dann aber nur Muskeln. Und zum Glück war da ein kleiner Teil in mir, der gesagt hat, warte mal, wenn du jetzt aber das machst, dann musst du die Ernährung wieder auf Proteine, also du wirst wieder nicht frei umstellen und du musst trainieren gehen. Das heißt, du musst wirklich krassen Kraftsport und solche Sachen machen, um eben dann die Muskeln zuzunehmen und was machst du dann, wenn du in Urlaub fahren willst oder wenn du das nicht machen willst? Und ich habe mich dann entschieden und habe gesagt, nee, das ist nicht, ich will nicht in die nächste Form reinrutschen, ich will nicht einen neuen Zwang entwickeln und ich erlaube mir jetzt wirklich zu recovern und mein Verhältnis zum Essen, zu meinem Körper und vor allem aber auch zu mir selbst zu heilen und eben auch wirklich zu gucken, was steckt noch dahinter. Und was es auch noch gibt an Essstörungsformen ist das sogenannte AFIT, also die Avoidant Restrictive Food Intake Disorder, also dieses restriktive, vermeidende Zusichnehmen von Lebensmitteln, also vermeidende, restriktive Nahrungsaufnahmestörung ganz genau genommen. Das ist nochmal eine ganz eigene Essstörungsform und die kennzeichnet sich, also sehr, sehr häufig tatsächlich eher bei Kindern, ist eine sehr eingeschränkte Nahrungsaufnahme aufgrund von Desinteresse an Essen oder aber aufgrund von sensorischer Empfindlichkeit oder von Ängsten. Es kann auch häufig im Autismus-Spektrum auftreten, dass man eben wirklich bestimmte Konsistenzen nicht mag, Rüche nicht mag, also eine sehr, sehr, ja, also von der Wahrnehmung her einfach, das wirklich als sehr unangenehm empfindet und im Gegensatz zur Anorexie gibt es hier aber keine Körperbildstörung oder Angst vor der Gewichtszunahme und dennoch kann es aber eben zu Untergewicht, Mangelernährung, Nährstoffdefiziten und auch sozialen Beeinträchtigungen führen, wenn man zum Beispiel auch hier ja, nicht das essen kann, was eben andere essen, weil man da sehr, sehr starke Tendenzen hat. Aber das ist eine Form, die ich selber jetzt so nicht erlebt habe, die ich auch in meiner Praxis sehr wenig habe tatsächlich. Ich wollte sie aber einfach nochmal mit erwähnt haben und es gibt noch viel, viel weitere Formen, also die teilweise auch jetzt gar noch nicht so diagnostiziert sind beziehungsweise noch nicht im Diagnosespektrum aufgetreten sind. Vielleicht gehen wir auch an anderer Stelle nochmal darauf ein, aber das waren so die wichtigsten, in die ich dich heute erstmal mitnehmen wollte und womit ich dich gern verabschieden möchte, ist nochmal so mein persönlicher Blick auf die Essstörungen, denn egal welche Art von Essstörungen wir haben, also das, was Ihnen allen gemein ist, ist, dass es eben wirklich ein dahinterliegendes Thema gibt, was überhaupt nichts mit dem Essen oder mit der Figur zu tun hat. Also auch in meinem Fall war es irgendwie, also gerade bei der Magersucht heißt immer, ja und sie will ja nur schön sein, sie will ja nur schlank sein und sie will ja nur nene, ne. Ja, vielleicht auch und ja, das hat früher auch eine Rolle gespielt, aber gerade in dem Punkt, wo ich ins Untergewicht wirklich gerutscht bin, also auch nach diesem traumatischen Erlebnis, ging es mir eigentlich überhaupt nicht mehr darum, schön zu sein. Also ich sage immer, wenn es darum schön geht, dann geht schön zu sein, dann ist eine Magersucht überhaupt nicht hilfreich. Mir ging es eher darum, mit meinem Körper etwas auszudrücken, denn Essstörungen sind so viel mehr als ein Problem mit dem Essen und deswegen ist auch mehr oder wie in Form von Binge-Eating weniger Essen nicht die Lösung. Im Gegenteil, das kann gleich noch die nächsten Probleme machen. Das heißt, Essen und das Gewicht oder auch nur diese Gewichtskontrolle und das ist eben das Problem in Kliniken, dass immer noch der Fokus hauptsächlich auf Essen-Reingewicht hochliegt, aber es löst kein Problem. Deswegen kommt es auch so oft zum Klinikspinkpong. Klinik rein, Klinik raus, Klinik rein, Klinik raus. Das ist nicht die Lösung. Ja, wir brauchen Essen. Ja, wir brauchen auch eine Regelmäßigkeit, aber das allein ist eben nicht ja, das, was wir aufarbeiten dürfen. Das ist nur das Symptom, an dem wir erkennen, aha, hier ist irgendwas nicht in Ordnung. Und ich sehe Essstörungen als einen krassen Weg von Bewältigungsstrategien, also als wirklich ein System, was wir entwickelt haben, um durchverliegende, also um mit tiefer liegenden Problemen umzugehen. Weil eine Essstörung entsteht nicht einfach so. Sie hat immer eine Funktion. Und ich werde jetzt nicht auf alle eingehen, weil das können sehr, sehr viele sein, aber das kann zum Beispiel sein, Kontrolle in einem Bereich des Lebens zu finden, wenn alles andere chaotisch erscheint. Oder eben, wenn es einen krassen Kontrollverlust gab, wie auch in meinem Fall. Oder um mit schwierigen Emotionen oder mit Emotionen, die wir nicht fühlen wollen, umzugehen, diese zu betäuben oder auch sie zu regulieren oder eben positive Gefühle auch wieder zu erzeugen, auch Belohnungsmomente zu erzeugen. Es kann aber auch eine Methode sein, um Aufmerksamkeit oder Fürsorge zu erhalten. Weil, ja, Menschen sich natürlich auch erstmal Gedanken machen, gerade eben, wenn das Gewicht vielleicht sehr nach unten geht. Also dann ist auch Besorgnis erstmal das Mittel der Wahl. Bleibt übrigens nicht unbedingt so. Auch das, was wir auf eine spätere Stelle nochmal anschauen können. Es kann aber auch ein Schutzschild sein, zum Beispiel gegen Intimität oder Nähe. Also egal, ob wir uns vielleicht ganz, ganz klein machen, mit unserem Körper unsichtbar machen, nicht gesehen werden wollen, nicht mehr fraulich sein wollen, nicht attraktiv sein wollen. Das kann das eine sein als Schutzschild oder aber auch dieser Schutzpanzer. Wirklich immer mehr essen, sich niemanden mehr so nah ranlassen, sich ein dickes Fell anessen. Also auch in diese Richtung kann es gehen. Oder aber auch kann eine Ersteuerung in Form des Selbstausdrucks sein. Also wenn die eigene Stimme zum Beispiel nicht gehört wird oder andere Ausdrucksmöglichkeiten fehlen. Also für mich zum Beispiel auch dieses, ich wollte sagen so, hey, hier ist was passiert und hey, bitte glaubt mir. Aber ich war mir nicht sicher, ob das wahrgenommen wird oder ich wusste nicht, wie ich das sagen soll und hatte einfach Angst, dass meine Stimme nicht zählt und habe dann eben meinen Körper dafür benutzt, weil ich gedacht habe, hey, das muss man doch sehen, dass das nicht in Ordnung war und dass ich mir das nicht ausdenke. Und manchmal ist es einfach auch nicht sicher, bestimmte Gefühle oder Dinge auszudrücken, weil wir vielleicht die Erfahrung gemacht haben, dass es ja vielleicht mit negativen Konsequenzen besetzt ist, zum Beispiel auch bestimmte Gefühle nicht zeigen zu dürfen und dann kann der Körper eben auch zum Ausdrucksmittel werden. Mir hat meine Erstörung vor allem auch geholfen, einen Identitätsbestandteil zu leben, was wie gesagt auch 2018 Gott sei Dank mit einer Therapeutin aufgedeckt wurde, die sehr, sehr, ja, sehr mit Coaching-Ansätzen tatsächlich auch gearbeitet hat, aber auch sehr identitätsbasiert. Und meinen Identitätsbestandteil von ich darf nicht lebendig sein, den habe ich in allen Formen gelebt. Also nicht nur mit der Erstörung, sie war nur ein Mittel, um das zu machen, weil mir Essen wegzunehmen, mich im Minimum zu halten, mich klein zu halten, ist ja alles ein Mittel zu sagen, so hey, du darfst nicht leben, du darfst nicht zu viel Fülle haben, es darf dir nicht zu gut gehen. All das habe ich damit bestätigt. Es hat mir aber auch geholfen, mit schwierigen Gefühlen umzugehen beziehungsweise die nicht mehr so dolle zu fühlen. Ich habe ja wie gesagt auch einen Hintergrund mit Selbstverletzungsverhalten und wusste, das darf ich so nicht mehr machen, da ich auch eine Zeit lang gemodelt habe und dachte so, nee, das funktioniert jetzt irgendwie nicht. Also habe ich versucht, das über das Essen eben zu regulieren. Also gerade in meinen Bulimie-Phasen waren oft auch Auslöser gar nicht mal, dass ich das Gefühl hatte, ich muss essen, sondern dass ich gedacht habe, oh eben, ich finde es gerade so zum Kotzen. Also wirklich, ich fand es einfach so zum Kotzen. Also ich dachte, ich muss das loswerden, aber dafür musste erst mal was rein, dass ich es dann loswerden konnte. Also hier krasse Emotionskontrolle und eben für mich auch dieses Ausdrucksmittel nach dem Kontrollverlust. Und ja, letzten Endes auch der Versuch, irgendwie gut genug zu sein, Zuneigung zu bekommen, Fürsorge zu bekommen, Aufmerksamkeit zu bekommen. Ich hatte das Gefühl, auf einmal so ein bisschen mehr wie ein rohes Ei behandelt zu werden, wo ich ja immer auch als Erstgeborene und große Schwester, so eher die Vernünftige war und die die viel Frühverantwortung übernommen hat, sehr mitdenkend ist, sehr umsichtig. Und dort konnte ich einfach mal schwach sein. Und all diese Dinge zu erkennen, also auch herauszufinden, was tut meine Essstörung eigentlich für mich? Ist auch einer der Hauptpunkte, die ich im Coaching mache, eben wirklich zu schauen, was kann ich auch von meiner Essstörung lernen? Das ist die Riesenschance darin. Und genau das ist auch der Punkt, warum ich Essstörung, also auch heute oder rückblickend, und das klingt vielleicht doof, aber ich bin unglaublich dankbar darüber, dass ich einerseits auch irgendwann die Diagnose gekriegt habe. Ich wünschte, ich hätte es vorher auch schon anerkennen können, aber sei es drum. Deswegen mache ich diese Episode hier auch, dass egal, wo du stehst, du für dich anerkennen kannst, nee, so wie es ist, ist es schlimm genug. Und ja, ich darf mir hier Hilfe holen und ich verdiene Hilfe und nicht erst, wenn ich vielleicht aussehe, als würde ich jeden Moment umfallen. Das heißt, wenn wir verstehen, dass die Essstörung wirklich eine Bewältigungsstrategie ist, dann können wir auch beginnen, nach den wahren Ursachen zu suchen und gesündere Wege zu finden, eben das zu erfüllen, was sie noch für uns tut, also sie wirklich auch arbeitslos machen. Denn Recovery bedeutet nicht nur, diese gestörten Essmuster zu überwinden, sondern eben wirklich auch zu lernen, Gefühle zu erkennen, auszudrücken, überhaupt wieder zu erlauben, sie zu fühlen, sie auch in einem sicheren Rahmen zu fühlen, selbst Mitgefühl zu entwickeln, selbst Wertgefühl zu entwickeln, unabhängig auch von der Körperform, von dem Gewicht, aber eben auch eine authentische Verbindung zu dir selber aufzubauen und auch zu anderen Menschen aufzubauen und die eigenen Bedürfnisse eben wirklich auch kennenzulernen, sie nicht mehr als bedrohlich wahrzunehmen, auch alte Identitätsbestandteile zu erkennen, an was halte ich da eigentlich noch fest, also wobei hilft mir meine Essstörung wirklich auch. Und eben für mich war sie wirklich dieses Mittel auch zu erkennen, hey, warte mal, das, was ich hier gerade lebe, will ich so eigentlich sein? Bin ich so mit anderen Menschen? Wie passt das denn zu meinen Werten, die ich ja eigentlich habe? Und deswegen sage ich auch oft zu meinen Coachis, deine Essstörung ist nicht dein Feind. Und ich weiß, es gibt viele Ansätze, die sagen, man muss die Essstörung loswerden, man muss sie bekämpfen. Das bringt uns in Widerstand. Und es verleugnet oder beziehungsweise es nimmt uns eine Riesenchance, nämlich die Essstörung auch als eine Lösung zu erkennen. Das heißt, ich sage, sie war nicht dein Feind, sie war deine beste Lösung zu einem Zeitpunkt, als du keine bessere hattest. Also ich sage immer, wenn du auf dem Ozean schwimmst und du drohst zu ertrinken und es kommt ein schwimmender Kaktus vorbei, dann greifst du den verdammten Kaktus, auch wenn er dich piekst. Und irgendwann merkst du nicht mehr, dass er piekst, weil es ist ja normal. Das heißt, wenn wir das erkennen und auch völlig neu auf die Essstörung drauf gucken, dann nimmt es auch die Scham, dann vernimmt es auch den Fokus von, was ist falsch mit mir? Du hast nichts falsch gemacht, überhaupt nicht. Im Gegenteil, das war sehr schlau von dir, weil es hat dich bis hierher gebracht. Aber es hilft dir halt nicht, dein Leben so zu leben, wie du es leben möchtest. Und anzuerkennen, was deine Essstörung dir gegeben hat, kann eben auch der Türöffner sein, dir das, was du wirklich willst, auf gesunde Weise zu holen. Und wie gesagt, du musst diesen Weg nicht alleine gehen. Es ist wahnsinnig schwierig, das auch alleine zu erkennen. Ich hätte diese Muster alleine nicht erkannt, weil ich stecke ja drin. Und es hat mir sehr geholfen, diesen Außenblick auch zu haben. Das heißt, wenn du das Gefühl hast, so, ja, irgendwie, da steckt noch was dahinter, dann such dir wirklich auch Unterstützung. Und ich möchte dich, wie gesagt, herzlich einladen, genauer hinzuschauen und deine Essstörung nicht als Feind zu sehen, sondern vielleicht als den größten Lehrer deines Lebens, den du aber Schritt für Schritt loslassen darfst. In diesem Sinne, ich danke dir sehr für deine Aufmerksamkeit und freue mich, dich beim nächsten Mal wiederzuhören. Vielen Dank, dass du dir Zeit für eine Tasse Reality mit mir genommen hast. Ich hoffe, diese Folge hat einen kleinen positiven Unterschied in deinem Tag gemacht. Mit deiner Fünf-Sterne-Bewertung kannst du genau diesen Unterschied auch im Leben anderer lebenshoniger Frauen bewirken, die diesen Podcast noch nicht gefunden haben und sich ebenfalls nach einem Leben in Freiheit und Authentizität sehnen. Ich danke dir von Herzen und freue mich, auf Instagram mit dir in Kontakt zu bleiben. Alle Links findest du in den Shownotes. Bis zum nächsten Mal.

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