Romys Recovery RealiTea

Romy Hörbe

#42 "Ich hatte unglaubliches Glück" – Madeleines Geschichte (Teil 1)

Ihr persönlicher Weg von der Essstörung in die Freiheit und Selbstliebe

04.02.2026 55 min

Zusammenfassung & Show Notes

In diesem Interview teilt Madeleine ihren Weg in die Freiheit und Selbstliebe – nach 14 Jahren Essstörung. Sie spricht offen darüber, welche Funktionen die Essstörung für sie übernommen hat: Kontrolle, Sicherheit, Identität und ein Hilfeschrei nach außen. Und sie verrät, warum Heimlichkeit der größte Fehler war, den sie jahrelang gemacht hat.

 In dieser inspirierenden Folge spreche ich mit Madeleine Karasch über ihren Weg in die Freiheit und ein Leben voll Selbstliebe. Ein Weg, den sie beinahe nicht hätte mit uns teilen können, denn bereits mit 13 Jahren, nur drei Monate nach Beginn ihrer Essstörung, gab Madeleines Körper beinahe auf. Er konnte einfach nicht mehr. Madeleine hatte unglaubliches Glück und heute, nach 14 Jahren Essstörung, ist sie vollständig recovered. In diesem Interview teilt sie, was sie auf ihrem Weg in die Freiheit und Selbstliebe wirklich gelernt hat. 
 
Wir sprechen offen darüber, welche Funktionen die Essstörung für sie übernommen hat: Kontrolle, als im Außen alles wegbrach. Sicherheit, die ihr niemand nehmen konnte. Identität, weil sie endlich wusste, wo sie hingehört. Und ein Hilfeschrei, als alle anderen Versuche, gesehen zu werden, gescheitert waren. 
Sie erklärt, warum genau diese Funktionen das Loslassen so schwer machen – und warum die Heimlichkeit rund um ihre Bulimie der größte Fehler war, den sie jahrelang gemacht hat. 
 
In dieser Episode erfährst du: 
  • Welche Funktionen die Essstörung übernehmen kann – von Kontrolle über Identität bis zum Hilfeschrei nach außen
  • Warum das Gefühl "Endlich gehöre ich irgendwo dazu" dich an der Essstörung festhalten lässt
  • Was passiert, wenn du Rückfälle verheimlichst – und wie radikale Ehrlichkeit der Essstörung die Kraft nimmt
  • Warum du nicht mit den gleichen Mitteln rauskommen kannst, die dich reingebracht haben
  • Wie du Rückfälle als Lernchance statt als Versagen betrachten kannst
Diese Episode ist für dich, wenn...
  • du spürst, dass die Essstörung mehr für dich tut, als dir vielleicht schon bewusst ist
  • du nicht weißt, wie du mit Rückfällen umgehen kannst
  • du verstehen willst, warum Kontrolle über den Körper so verlockend ist, wenn im Leben alles wackelt
Mehr zu Madeleine findest du hier:

Instagram: @desherzenswegens  instagram.com/desherzenswegens
 

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Über Romy Hörbe - Coach für entspanntes Essverhalten und Körperakzeptanz
Neue Episode jeden Mittwoch um 6 Uhr

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Meine Ausbildungen
  • CCI Certified Eating Disorder Recovery Coach (Carolyn Costin Institute, USA)
  • Zertifizierter Systemischer Coach (Coaching Akademie Weimar-Wiesbaden)
  • Identity Transformation Coach (All In Academy Jackie Sharon Tamblyn)

Dieser Podcast ersetzt keine professionelle therapeutische oder medizinische Betreuung. Bei akuten gesundheitlichen Problemen wende dich bitte an entsprechende Fachpersonen.

Transkript

Hallo und schön, dass du hier bist bei Romy's Recovery Reality. Ich bin Romy Hörbe und nach 20 Jahren Essstörung vollständig recovered. Heute lebe ich mein bestes Leben, ohne Masken, aber mit ganz viel Lebensfreude und Authentizität. Meine Mission ist es, lebenshungrigen Frauen zu helfen, genau das Gleiche zu tun. Dieser Podcast ist für dich, wenn du dir tiefe Transformation statt reiner Symptombekämpfung wünschst. Ich nehme dich mit auf den Weg in die Freiheit und teile ungeschminkt, was mir wirklich geholfen hat. Mit Herz, Klarheit und der Expertise als Deutschlands erster CCI-zertifizierte Recovery Coach. Mach es dir gemütlich mit deinem Lieblingstee und lass uns gemeinsam entdecken, wie viel größer dein Leben jenseits der Essstörung sein kann.
Madeleine
00:00:54
Hallo und herzlich willkommen zurück.
Romy
00:00:56
Heute habe ich mir wieder einen Podcast-Gast eingeladen und ich muss sagen, ich freue mich riesig, dass sie heute hier ist, denn wir haben uns eigentlich zwar erst so vor ziemlich genau einem Jahr über Instagram überhaupt kennengelernt, aber tatsächlich fühlt es sich eher so an, als würden wir uns schon unser halbes Leben kennen. Und sie ist nicht nur ein wundervoller Herzmensch für mich geworden, sondern auch der Beweis dafür, dass Recovery einfach verdammt viele Türen öffnet. Denn wir kommen beide aus, ja doch jahrzehntelang könnte man glaube ich sagen, als Störungen. Und früher wäre ich wohl eher mit ihr in Konkurrenzkampf gegangen, als eine tiefe, ehrliche Verbindung aufzubauen. Und das wäre echt verdammt schade gewesen. Und umso mehr freue ich mich, dass sie heute hier ist, um mit uns über ihren eigenen inspirierenden Recovery-Weg, der durchaus auch einige Umwege hatte, zu sprechen. Und zwar hin zu ihrem Fokusthema der Selbstliebe. Und ja, ich freue mich riesig, dass du hier bist. Herzlich willkommen, liebe Madeleine.
Madeleine
00:01:55
Hallo Romy, ich freue mich, danke.
Romy
00:01:59
Ah, verrückt unser Weg. Aber bevor wir dazu kommen und zu allem, was sich so entwickelt hat an schönen Dingen. Madeleine, magst du dich ganz kurz nochmal vorstellen, wer bist du, was machst du und überhaupt?
Madeleine
00:02:10
Nein, also für alle, die mich nicht kennen, so wie die Romy, ich bin Madeleine. Ich bin 31 Jahre alt, lebe jetzt mittlerweile seit sieben Jahren in der Schweiz, habe Marketing studiert, bin aber tatsächlich jetzt seit über einem Jahr auf dem Weg der Selbstliebe unterwegs und durfte ja auch dadurch auf dich stoßen. Denn mein Thema ist natürlich auch der Kampf mit dem Körper und wieder in Einklang mit sich zu kommen. Ich komme ursprünglich aus der Ecke von Köln, lebe jetzt aber bei Zürich und ja, Ja, durfte jetzt vor vier Jahren tatsächlich meine Essstörung hinter mir lassen, nachdem ich 14 Jahre echt hart damit gekämpft habe. Und heute sitze ich bei dir im Podcast.
Romy
00:02:57
Wer hätte das gedacht vor vier Jahren? Ja, wer hätte das gedacht? Das ist ja auch das Schöne, dass wirklich Dinge passieren, die man sich einfach, während man da drin steckt oder sich vielleicht auch auf dem Weg raus macht, eigentlich gar nicht vorstellen können. Aber bevor wir zu deinem Weg rauskommen, der natürlich, glaube ich, auch für unsere Hörer super spannend ist, erzähl doch erstmal ganz kurz, wann hast du so gemerkt, dass du da überhaupt reingerutscht bist in die Essstörung? Denn die beginnen ja ganz oft eher schleichend und daher die Frage an dich, wie hat es denn bei dir damals begonnen? Und vor allem aber auch ganz spannend, weißt du vielleicht auch, welche Funktionen die Essstörung damals für dich hatte?
Madeleine
00:03:33
Ja, also natürlich jetzt rückblickend mit all der Erfahrung und all den Jahren in der Essstörung, aber auch aus der Essstörung, ist mir ziemlich vieles bewusst und so wie bei vielen anderen hat es bei mir in der Pubertät angefangen mit der Essstörung. Auch schleichend, aber doch super schnell schleichend. Also das, muss ich sagen, ist rückblickend sehr erstaunlich, wie schnell sich so eine Essstörung integrieren kann. Bei mir war es damals tatsächlich dieses typische, im Außen verändert sich ultra viel. Also ich war 13 Jahre alt, so typisch gerade der Körper fängt an sich zu verändern. Man kommt in die Pubertät, es ist sowieso sehr viel Umschwung, man ist in einer weiterführenden Schule. Rückblickend lässt sich da bei mir aber auch sagen, dass ich jetzt weiß, dass die Essstörung nie nur gekommen ist, weil so viele Versuche vorher auf mich aufmerksam zu machen und vorher meinen innerlichen Druck zu zeigen, halt gescheitert sind. Und dass deswegen dann irgendwann übers Essen ausgetragen wurde und nur ein paar Monate gedauert hat, bis mein Körper tatsächlich komplett den Geist aufgegeben hat und ich auch eine Nahtoderfahrung hatte. Also mit 13 hatte ich nach so drei, vier Monaten der Restriktion, wo ich halt langsam angefangen habe von, ich esse keine Süßigkeiten mehr zu, ich esse plötzlich irgendwie noch nichtmals mehr Gemüse, dass wirklich mein Körper gesagt hat, okay, ich kann nicht mehr, ich habe keine Reserven. Ich war nie ein übergewichtiges Kind. Ich war eher immer sehr stark untergewichtig schon. Also auch nochmal vielleicht anders, ich bin jetzt nicht so typisch von, ich war zu dick und wurde gemobbt und deswegen bin ich in eine Diät rein, sondern wirklich bewusst war mir damals, im Außen ist so viel, was nicht in meiner Kontrolle liegt. Ich habe über so wenig Kontrolle, wo hole ich mir diese Kontrolle her? Und das war dann doch wieder ein relativ bewusster Schritt, dass ich dann gemerkt habe, okay, über meinen Körper, da kann ich diese Kontrolle holen. Und das ist so für mich auch rückblickend die Funktion, die die Essstörung im ersten Aspekt für mich hatte, Kontrolle, Sicherheit, Kontrolle, die mir vor allem kein anderer im Außen nehmen kann. Das war auch mein Thema, denn Kontrolle war da, aber vor allem von außen auf mich. Und das war in diesem Lebensabschnitt, den ich da auch hatte, wo wirklich viele Dinge mir weggebrochen sind, auch in meinem sozialen Umfeld, wo sehr viel Stabilität weggebrochen ist, meinen Ansporn sozusagen über meinen Körper das wiederzuholen. Natürlich nicht mit dem Bewusstsein, ich möchte jetzt in eine Essstörung rutschen. Das ist natürlich klar.
Romy
00:06:17
Das sage ich ja auch immer wieder. Das ist ja nicht so, dass wir entscheiden, oh ja, jetzt entwickle ich mal eine Essstörung. Also ganz oft ist das ja auch was, was man sich vielleicht auch vornimmt, so dieses, ja, weil ich mal auf eine Diät gegangen bin oder weil ich mal habe ich eine Essstörung entwickelt. Aber ich sage immer, es ist ja keine bewusste Entscheidung. Und auch wie du das gerade beschreibst, ging es eben ja wirklich eher um dieses, also auch die Frage, was hat es dir eigentlich gegeben, was du dir auf andere Weise nicht geben konntest. Und ich sage immer, es ist auf einer Ebene, wenn nicht mehr viel übrig bleibt, ja viel, viel einfacher, sich Kontrolle über den eigenen Körper oder eben das, was auch in den Körper rein oder raus geht, zu holen. Also hat ja auch viel mit Autonomie zu tun, wenn sie vielleicht an anderen Stellen fehlt. oder wie du das ja auch beschreibst, man vielleicht auch offensichtlich ein sehr kontrollierendes Umfeld hat, wo es vielleicht auch viele Vorgaben oder Regeln gibt. Und welche Möglichkeiten hat man denn dann noch?
Madeleine
00:07:05
Ja, absolut, absolut. Rückblickend kann ich dazu auch noch einfach sagen, heute nach meinem Stand, den ich jetzt seit letztem Jahr auch noch habe, da hat es auch noch mal einiges geändert, war das für mich vor allem auch ein sehr großer, weil du jetzt gerade den Identitätsaspekt auch oder den Integritätsaspekt auch so ein bisschen hattest, dass man halt für sich selber auch Dinge macht. Ich bin sehr, sehr früh erwachsen geworden, weil ich einfach aus meinen Familienverhältnissen musste und habe schon sehr, sehr viel für mich selber erreicht. Aber durch dieses zu früh Erwachsenwerden ist natürlich innerlich das innere Kind an den Punkt gekommen, wo es eben nicht gesehen wurde und wo ich dann jetzt auch sage, die Essstörung war damals eigentlich der größte Hilfeschrei. Der größte Hilfeschrei nach außen zu sagen, Leute, bei mir geht so vieles daneben, ich weiß gar nicht, wer ich bin und diese Funktion hat sie dann auch übernommen für mich. Also eigentlich hat die Essstörung sehr viele Funktionen übernommen. Nicht nur den Kontrollverlust und dann Kontroll-Zurückgewinnung, sondern auch Identitätsfaktor. Also, dass ich sehr schnell auch, als ich dann verstanden habe, oh wow, ja, ich habe eine Essstörung, war es nicht so, oh scheiße, will ich nicht, sondern, oh, endlich weiß ich, wo ich reinpasse. Und ich denke, das fühlen ganz, ganz viele, die diesen Weg unbewusst wählen, dass man plötzlich weiß, oh ja, ich passe irgendwo rein, ich gehöre irgendwo dazu und das ist meine Stärke. Und deswegen klammert man auch so stark an dieser Erkrankung.
Romy
00:08:42
Ja, da hast du absolut recht. Also ich muss auch sagen, hast du eine Diagnose relativ schnell bekommen oder wann war dir das klappen?
Madeleine
00:08:48
Also sagen wir mal so, ich habe von Diagnose beziehungsweise von Anfang der Essstörung bis zur Diagnose verging ein halbes Jahr, weil ich eben dann den Herzstillstand hatte und meine Mutter mich wirklich wiederbeleben musste. Ich hatte Riesenglück, dass überhaupt jemand zu Hause war. Ich war schon wochenlang durch meine Unterernährung ans Bett gefesselt, weil mein Körper halt keine Kraft mehr hatte. Problem bei mir damals war halt wirklich meine biologische Vorgeschichte, dass ich immer untergewichtig war. meine Mutter ist schon sehr früh mit mir zu Ärzten und hat gesagt, da stimmt was nicht mit meiner Tochter. da, also ist klar, wenn eine 13-Jährige zur Mama geht und sagt, verbiete mir mal bitte Süßigkeiten,
Romy
00:09:29
was sie natürlich nicht getan hat.
Madeleine
00:09:32
und dann aber anfängt auch, nee, das esse ich nicht mehr, das esse ich nicht mehr. Ich wurde dann auch Vegetarierin und meine Mutter hat das früh, früh gemerkt, gespürt und mich zu Ärzten geschleppt, aber die haben alle Entwarnungen gegeben, alle so, ihre Tochter ist schon untergewichtig, das ist eine normale Gewichtsentwicklung, also halt einfach dieses Oberflächliche. Aber als natürlich dann der Herzstillstand kam und ich in mehrfach tatsächlich auch in die Notaufnahme geliefert wurde und man halt körperlich nichts finden konnte, ging es zum Psychologen. Und da war dann nach so einem speziellen psychologischen Test, den ich machen musste, kam dann die Psychologin rein und meinte, Madeleine, du hast Anorexie. Und das war dann für mich schon, also ich werde es nie vergessen, es war für mich wie ein Schlag ins Gesicht, weil ich selber mich mit der Thematik nie beschäftigt habe. So, also und daran erkennt man halt dieses Unterbewusste, dass es wirklich nichts ist, was du dir bewusst aussuchst, sondern dass es wie Mechanismen sind und, ich will jetzt, es klingt blöd, aber natürliche Reihenfolgen, die das Gehirn abgeht, was man für sich als Rettungsversuch, als Überlebensstrategie sucht, ja. Sonst wäre es ja auch keine Erkrankung mit Symptomen, die so viele gleich betreffen. aber dass es wie so eine natürliche Abfolge war mit Dingen, die man macht, um sich selber zu helfen, die aber dann in etwas enden, was komplett nicht mehr hilfreich ist, sondern zerstörerisch. Und dann habe ich mich damit auseinandergesetzt und dann habe ich gelesen und dann bin ich da rein und dann habe ich gesagt, so, ich bin die Mager, so.
Romy
00:11:09
Hm, mich. Also dann wirklich die Identifizierung auch eigentlich mit der Diagnose, die dann erst stattfinden konnte, die dir aber auch eine Orientierung gegeben hat, was bin ich, wo gehöre ich vielleicht aber auch, also viel Zugehörigkeit letzten Endes, ah, ich gehöre zu denen. Deswegen sind ja Diagnosen oft auch, teilweise auch erstmal eine Erlösung. Also bei mir war es ja so, dass ich 20 Jahre später erst die Diagnose gekriegt habe, obwohl ich ja auch, also wie du, sehr früh, also mit elf tatsächlich, ja auch schon zum Psychologen geschleift wurde, weil meine Mama schon gemerkt hat, also irgendwie so das mit dem Essverhalten, das ist schon irgendwie komisch. und ich hatte aber den Punkt, dass ich halt im Normalgewicht war und die Psychologen deswegen abgewunken haben und gesagt haben, naja, das geht schon wieder und ich dann das aber wirklich, also über die 20 Jahre eigentlich mitgenommen habe und mir gedacht habe, nee, nee, wenn da was wäre, das hätten die ja erkannt. Und als ich dann 2018 letzten Endes ja erst die Diagnose bekommen habe, war das wirklich, ähnlich wie du es beschreibst, wirklich erstmal so ein Gefühl von Erleichterung und ah, jetzt irgendwie doch, jetzt gehöre ich irgendwie doch auch da dazu. Also obwohl ich natürlich wusste, es ist nicht gut, weil es ist nicht so, dass ich mich nicht in der Zwischenzeit und bei den vielen Klinikaufenthalten, gerade eben auch bei den anderen, damit beschäftigt hätte, aber zu wissen, okay, das ist es jetzt, war trotzdem erstmal so ein Gefühl von Erleichterung und ja, wie du sagst, auch so dieses, ha, jetzt gehöre ich dann doch auch offiziell dazu. Ja,
Madeleine
00:12:28
und auch dieses, ich weiß nicht, wie du das erlebt hast, aber was bei mir auch ein Faktor war, dieses, trotzdem, man ist ja nicht umgeben in dem normalen Umfeld von ganz vielen Essgestörten. das ist ja ein Faktor. Genau. Aber trotzdem dieses Besonderheitsmerkmal zu haben, das war auch lange etwas, was mich so sehr da drin gehalten hat, dieses, ja, aber ohne meine Essstörung bin ich ja nichts mehr Besonderes, dann gehe ich ja auch wieder unter. Also, es hat mir, und das erzählst du ja auch deinen Klienten ganz viel und ich verfolge das ja auch, ich meine, wären wir beide nicht beruflich in der Thematik, hätten wir uns nie kennengelernt, also ich bin so dankbar dafür. Aber dieses, dieses Opferverhalten, so, so hart es auch klingt, aber es wird ja auf einen geachtet plötzlich, wo vorher man irgendwie unten durchgefallen ist und plötzlich steht man, man will vielleicht nicht direkt im Mittelpunkt stehen, aber man ist trotzdem halt nicht mehr unsichtbar. Ja. Ja? Die anderen sehen einen, die anderen nehmen einen wahr und sehen auch, okay, der Person geht es nicht gut, das heißt, wir müssen nett zu ihr sein, wir müssen uns ein bisschen um sie kümmern und so. Und ich habe jahrelang so hart an dieser Krankheit festgehalten, weil ich einfach auch dachte, ohne diese Krankheit bin ich doch nichts mehr und bin ich doch nichts mehr Besonderes. und deswegen treten glaube ich auch so viele in diesen Konkurrenzkampf. Ich hatte das auch, ich war nämlich in der Klinik, in der Schule, also ich war 6.7. Klasse und ich war die erste Magersüchtige auf der ganzen Schule. Ja.
Romy
00:14:02
Okay, das ist das Alleinstellungsmerkmal per se.
Madeleine
00:14:05
Ja.
Romy
00:14:05
Und in der Klasse ist es aber so gewesen,
Madeleine
00:14:08
dass als ich aus meiner ersten Klinik wiederkam, meine Mitschülerin eindeutig in der Magersucht war, weil es ihr zu Hause auch nicht gut ging und ich habe es natürlich als erstes gecheckt und jede essgestörte Person weiß das, wir checken es als erstes. Also die Person checkt es als erstes. Und dann war es halt aber echt so, dass da ein Konkurrenzkampf entstanden ist, weil es war ja nicht mehr nur eine Person dann besonders in dieser Klasse.
Romy
00:14:33
Ja.
Madeleine
00:14:34
Und das ist wirklich was echt gefährlich. Zum einen, du gehörst zwar irgendwo dazu, aber zum anderen willst du irgendwie doch besser sein und besonderer sein als andere.
Romy
00:14:44
Okay, das ist ja auch genau das, weil dann gibt es ja erst recht kein Genug mehr, weil vorher war niemand da, mit dem man sich vergleichen konnte. Jetzt kommt da auf einmal einer und macht es. Ich hatte gerade so das Gebild, wie wenn ein Geschwisterchen geboren wird und du warst vorher Einzelkind und auf einmal kommt da einer und läuft dir deinen Rang ab. Und das ist natürlich auch erst mal ein bedrohliches Gefühl. Und ich sehe das oder habe das auch sehr viel in den Kliniken gesehen. Wie gesagt, ich war ja auch nie auf einer reinen Essstörungsstation auf einer Ebene, aber auch da dieser Wettkampf untereinander oder eben wirklich dann auch so Aussagen, deswegen finde ich die auch so. Und deswegen sage ich halt wirklich auch bitte einfach nicht Körper oder irgendwas kommentieren. und ich habe das bei Lehrern dann, wir waren die Außenschule auch für unsere Kinder- und Jugendpsychiatrie hier in Jena. Und Lehrer kamen dann wirklich, oh, du siehst ja wieder gut aus. Das war das Schlimmste, was man wirklich denjenigen, die damals offiziell drin waren, hätte sagen können. Und weil es einfach wirklich das bedroht hat, dieses, oh Gott, ich verliere jetzt gerade diesen Status und was habe ich dann, was bin ich dann, wie geht es dann eigentlich auch weiter? Und das ist ja aber genau das, was es eben auch zu entdecken gilt. Und du hast ja letzten Endes, also wir haben uns ja auch schon viel so grundsätzlich darüber ausgetauscht, wobei ich es echt spannend finde, dass also so im Privaten die Essstörung für uns ja überhaupt kein Thema mehr spielt. Aber gerade wenn wir so über berufliche Sachen unterhalten, sind wir ja auch auf sehr viele Gemeinsamkeiten auch gekommen. Oder gerade am Anfang, als wir das einmal, ja, so durchexerziert haben, wie unsere Wege eigentlich waren, dass wir uns hier gefunden haben. und das Spannende ist ja, dass auch du durch verschiedenste Formen der Essstörung letzten Endes dann gegangen bist. Kannst du uns da noch ein bisschen mitnehmen auf deine Reise? Also wie hat sich das so entwickelt und hast du vielleicht auch eine Idee, warum es immer wieder zu einer Verlagerung kam?
Madeleine
00:16:25
Also um da vielleicht auch noch mal ein bisschen kurz, ja, eine Vorstory zu geben. Essen oder Probleme mit dem Essen, glaube ich, hatte ich, war bei mir wie prädestiniert schon von Geburt. Also man muss ja auch immer von so generationalen Traumata auch noch mal draufschauen und alles. Und bei mir ist wirklich Thema Essen war irgendwie immer ein zentrales Thema in meinem Leben. Also sei es jetzt von, dass ich meine Mutter mir immer schon erzählt habe, als Kind hatte ich kein Sättigungsgefühl. Also ich habe sie wirklich schon als Baby ausgesaugt, sodass sie nach drei Monaten mich nicht mehr nähren konnte. Was ja auch schon irgendwie zeigt, was da für ein Mangel bei mir geherrscht hat. Ich auch sehr untergewichtig zur Welt gekommen bin, obwohl ich zu spät geboren wurde, dass da eigentlich körperlich schon sehr viel mit der Thematik auch war, anderen das bei uns zu Hause immer schon auch ein Thema war, weil meine Familie stark adipös ist und ich und mein Bruder die einzigen sind, die super, super dünn sind. Also wir sind schon immer aus dem Raster gefallen in der Familie und das heißt, es war immer so, ich wurde gefilmt beim Essen. Essen war immer so, ja, meine Oma hat halt gedacht, meine Mutter lässt uns verhungern, weil wir so dünn sind, so kriegsgenerationmäßig. Das heißt, wenn ich bei meiner Mutter, bei meiner Oma essen war, wurde ich fotografiert, gefilmt. Wenn ich bei meinem Vaterseite, bei der Familie war, die wirklich stark übergewichtig ist, wurde ich auch immer recht gemobbt für meine dünne Figur, wurde immer gesagt, isst doch mehr und eigentlich haben wir eigentlich gegessen wie ein Scheunendrescher, also ich und mein Bruder. und habe aber nie ein gesundes Verhältnis tatsächlich in dem Sinne gelernt, dass darauf kein Wert gelegt wird. Also kennst du vielleicht auch, es wird aufgegessen, bis der Teller legt, solche Sachen.
Romy
00:18:08
Und scheint die Sonne nicht.
Madeleine
00:18:10
Genau. Wo du jetzt als werbende Mama wahrscheinlich auch anders drüber denkst und dir denkst, okay, möchte ich meinem Kind jetzt nicht vermitteln. Also sagen wir so Sanktionen oder wenn du dein Butterbrot nicht in der Schule isst, dann kriegst du zu Hause Stumarrest oder so. Deswegen habe ich es meiner Freundin geschenkt. Was hast du deiner Freundin geschenkt?
Romy
00:18:27
Dein Butterbrot in der Schule. Ich auch.
Madeleine
00:18:29
Ja, und habe aber die von den anderen gegessen. Also, ne, es sind da, natürlich sind das so Sachen, die einen auch prägen in der Hinsicht, was das Essverhalten betrifft. Oder mir wurde auch immer gesagt, ich darf nicht so viel Süßes essen, weil ich eine chronische Darmerkrankung habe von Geburt an und mit Verstopfung zu kämpfen hatte. Das heißt, irgendwo war da auch schon immer wie keine natürliche Balance da. oder dass ich sagen konnte, ich darf mir vertrauen in Bezug auf Essen. Ja. Und als dann die Magersucht angefangen hat, war es natürlich so, dass, solange ich die Magersucht aktiv auch gehalten habe, dass ich dachte, das wäre halt mein Lebensinhalt. Natürlich habe ich irgendwann gemerkt durch die Klinik, ich habe ja auch zwei Klinikaufenthalte hinter mir, viel Therapie,
Romy
00:19:17
dass diese Krankheit mich zerstört. so.
Madeleine
00:19:20
Es wird irgendwer, also ich würde immer noch sagen, Magersucht finde ich immer noch tausendmal schlimmer, es tut mir leid, also ohne jetzt das, schlimmer in dem Sinne, du kannst damit nicht so lange leben, wie wenn du jetzt eine andere Erstörung hast. Die wird dich irgendwann in den Tod bringen. Punkt. Das ist halt Magersucht, ja. Und wenn du dann da sehr exzessiv drin bist, schneller als du denkst, und die Erfahrung durfte ich halt auch machen. Also was du beschreibst, das ging ja wirklich rasant. Also dass es in wenigen Monaten wirklich so abbaut ist. ich habe drei Kilo verloren von meinem Ursprungsgewicht. Es war wirklich, ich meine, ich war ein junges Mädchen, ich war in der Pubertät, ich war wirklich ein ganz zierlicher Persönchen und war das immer. Und mein Körper hat halt keine Reserven gehabt und demnach verstehe ich auch, dass er so früh gesagt hat, ciao, du kannst mich mal. Ich habe keine Kraft, dich am Leben zu halten, ja. Und dass er es überhaupt noch weiter geschafft hat, weil das war ja nicht sozusagen mein schlimmstes Stadium. Das schlimmste Stadium kam danach. dass er es überhaupt geschafft hat, zu überleben. Dafür bin ich heute unfassbar dankbar. Aber irgendwann war es natürlich, war ich an dem Punkt, wo ich auch kämpfen wollte. Wo ich auch, wirklich, es hat ein paar Jahre gedauert, so, aber dass ich auf dem Weg, wir würden es heute als Recovery bezeichnen, dass ich auf dem Weg der Recovery war. Es war aber leider das Thema, dass ich erst seit letztem Jahr weiß, dass es etwas wie Extremhunger gibt. und es hat mir kein Arzt, kein Therapeut, niemand irgendwie vermittelt, dass ich, wenn ich auf dem Weg der Heilung bin, mein Körper sich die Dinge zurückholen möchte. Und dass es normal ist, dass ich extremen Hunger verspüre. Dass ich wie, mir war schon bewusst, dass ich kein Hunger- und Sättigungsgefühl habe. Das ist klar. so, also, gerade in der Anorexie hast du sowieso eher ein starkes Sättigungsgefühl, anstatt ein Hungergefühl irgendwann. Aber dadurch, dass dann der Extremhunger kam, hatte ich wie kein Sättigungsgefühl mehr. Was dann in Kombination mit den Sachen, mit dem Familiensystem, was leider nicht mitgewachsen ist, mit meiner Entwicklung und der Therapie, sondern eher im Gegenteil, ich für meine Krankheit beschuldigt wurde, für die Zerstörung der Familie verantwortlich gemacht wurde. Das in Kombination mit dem Extremhunger hat bei mir zu Bulimie geführt. Das hat eigentlich dazu geführt, dass ich wie keinen anderen Ausweg sah. Ich habe gemerkt, Magersucht geht nicht. Klar, Magersucht bringt mich in den Tod. Das habe ich verstanden. Da wollte ich raus. Ich meine, ich konnte ja gar nicht mehr am sozialen Leben teilnehmen. Und je älter du wirst, ich war dann irgendwann, nach den Kliniken war ich 16. Also, ich konnte eigentlich mein Leben erst nach 16 wieder anfangen aufzubauen. Und ich bin dann mit 19, weil so der Zeit dazwischen, würde ich so sagen, zwischen 16 und 19 war so mein, mein Versuch so langsam aus der Essstörung rauszukommen. So bis 18. Und da war ich auf einem guten Weg. Da war ich wirklich, ich war gut betreut. Ich hatte Therapie. Ich hatte eine Personal Trainerin. Aber durch die Umstände zu Hause und dieses fehlende Wissen, was der Körper eigentlich durchmacht, bin ich in die Bulimie gerutscht. Und die war bei mir halt leichter als bei anderen, weil ich halt mit vier Jahren schon beigebracht bekommen habe, mir den Finger in den Hals zu stecken. Aufgrund meiner chronischen Migräne hat meine Mutter damals gedacht, das wird der helfen, wenn sie sich selber sozusagen erbrechen kann. Und zack braucht es, ich glaube, es hat einen wirklich entscheidenden Punkt gebraucht und eine Auseinandersetzung zu Hause beim Essenstisch. Ja, hatte da. Und da war ich dann bewusst, das war wirklich eine bewusste Entscheidung damals. Ich habe mich gestritten mit meinem Stiefvater des Todes. Der hat mich, der hat mich beschimpft bis aufs Letzte, weil meine Magersucht seine Ehe zerstört hat. Und danach habe ich, ich saß da bei dem Essen und ich habe genau gewusst, mir geht es so scheiße. Ich habe so schlechte Gefühle gerade und ich habe mit diesem Menschen Essen eingenommen, das sowieso schon ultra schwierig für mich ist. ich will dieses Essen nicht in mir haben. Und das war mein erstes Mal, ein bewusster, bulimischer Anfang. Und danach waren die Türen offen.
Romy
00:23:40
Also ich glaube, auch wenn man einmal wirklich gemerkt hat, wie es geht oder wie leicht es geht, das war ja das, was uns ein bisschen da unterscheidet. Mir ist es ja immer super, super schwer gefallen und hat sich eigentlich auch erst verändert als so eine mentale Komponente, wie du es eigentlich auch beschreibst, der dazugekommen ist. Weil ich sage mal, auf einer Ebene kann man ja wirklich sagen, die Situation, die du da erlebt hast und eben auch dafür verantwortlich gemacht zu werden. Also ich wurde es auf anderen Ebenen, nicht wegen einer Essstörung, aber eben damals wegen meiner Selbstverletzung auch von meinem Stiefvater, dass ich bestimmte Dinge kaputt mache in der Familie und solche Sachen. Also dieses Gefühl, was ja dann entsteht, ist eigentlich, es ist alles zum Kotzen, im wahrsten Sinne des Wortes. Und auf einer Ebene, es ist ja eine logische Konsequenz, auch zu sagen, okay, das, was mir gerade so ein schlechtes Gefühl gemacht hat, gerade beim Esstisch auch, deswegen sage ich auch immer, gerade wenn Konfliktgespräche sind und ich weiß, in der Recovery treten die häufig auf, gerade weil Eltern verzweifelt sind oder keine Ahnung was. Ich sage mal, nicht, schon mal gar nicht am Essenstisch, es ist so schon herausfordernd genug, aber diese Verknüpfung einfach, die entsteht so, so schnell und dann ist es eigentlich erst mal eine logische Konsequenz, gerade wenn es dir eben auch so leicht fällt, weil du einfach, ja, so früh in dieses Muster schon reingekommen bist, dass es in diese, ja, in diese Verlagerung einfach auch kommt. Ja,
Madeleine
00:24:53
und ich muss einfach sagen, ich hatte Glück im Unglück, in dem Sinne, dass es sehr schnell aufgeflogen ist, also Glück im Unglück, die Bulimie hat mich weitere sieben Jahre begleitet, so oder ab, aber es ist sehr schnell aufgeflogen und demnach ist meine Therapeutin sehr schnell zu dem Schluss gekommen, ich muss ausziehen. Was das Beste war, aber ich war 19, ich war im Abitur und im Endeffekt gerade mal, also steckte eigentlich mitten noch drinnen in der Heilungsphase, aber ich musste halt raus, weil klar wurde, und das ist auch, glaube ich, was, was, ich habe ja auch schon mit einigen Frauen geredet und das äußere System ist so, so prägend, ob du es schaffst oder nicht, wirklich. Und das, da werden wir bestimmt im Verlauf des Gespräch auch noch drauf kommen, wie ich es da raus geschafft habe, aber wenn das äußere System und gerade natürlich schwierig in der Phase, wenn du irgendwie noch im Familienhaushalt lebst, weil du ein Kind bist oder eine Jugendliche bist, aber wenn das nicht mitwächst und wenn das nicht mit, auch im Bewusstseinslevel mitwächst, was zu dieser Erkrankung führt, dann ist es wie fast unmöglich, da rauszukommen. Und ich bin dann ausgezogen und weil du ja auch gesagt hast, ich habe mehrere Essstörungen, ich habe, ich habe gefühlt so vieles durch, weil ich natürlich nicht in der Essstörung bleiben wollte und ich wollte auch nicht in der Bulimie bleiben. die hat genauso ihre Nachteile wie die Anorexie und zwar sehr viele und ich habe sehr viel davon erfahren und alle Versuche da, ohne externe Hilfe rauszukommen, weil ich habe dann irgendwann auch die Therapie aufgegeben, weil ich meine Therapeutin belügen konnte, die hat dann nicht mehr gemerkt, dass ich noch in der Bulimie war. Ich konnte so gut schauspielern, was man ja, jeder, der eine Essstörung hat, ist ein perfekter Schauspieler, I'm sorry, aber...
Romy
00:26:39
Musst du ja irgendwann auch sein, sonst kannst du das System ja gar nicht aufrechterhalten. Nein, nein. Und man wird ja,
Madeleine
00:26:45
man lügt sich ja selber so viel zusammen, dass ich wirklich da saß und ins Gesicht lügen konnte und nein, mir geht es nicht. Es ist alles super und da ich aber auch nicht mehr so abgemagert war und in einem Normalgewicht war, das ist wie bei dir dann auch wieder,
Romy
00:27:01
fällt es halt keinem auf.
Madeleine
00:27:02
Und deswegen ist natürlich auch diese Reduzierung aufs Gewicht im Bereich Essstörung, finde ich, total falsch. auch in Kliniken. Du bist nicht ready rauszugehen, nur weil du ein BMI von 18 hast. Das ist halt gar nichts zu sagen.
Romy
00:27:16
Der Punkt ist, dass es ja eigentlich da auch wirklich erst anfängt, weil dann hast du die körperlichen Voraussetzungen, um überhaupt auch diese ganze mentale Arbeit, die ja dahinter hängt, also gerade diese Hintergrundthemen, die letzten Endes, weil es geht ja nicht ums Essen. Klar, das Essen ist das, worüber wir es ausdrücken, aber wenn wir keine anderen Wege haben, mit diesen Dingen umzugehen, uns eben selber eine Sicherheit, eine Kontrolle, ein Gefühl von Zugehörigkeit, all diese Dinge zu geben, und wir dann wieder in das alte System reinkommen, dann ist es verdammt schwierig. Also ich sehe das auch bei meinen sehr jungen Klienten, die zu Hause noch leben, wo ich irgendwann auch feststelle, okay, also nicht immer, aber häufig, wo ich denke, oh halala, das ganze System hängt einfach mit drin, deswegen bin ich auch systemischer Coach geworden, weil wir können nicht sagen, so die essgestörte Person, die muss jetzt was verändern und der Rest aber halt einfach mal nicht. Und ja, ich sage immer, das Umfeld ändert sich auf einer Ebene schon ein Stück weit mit, wenn wir etwas verändern, aber gerade wenn wir zu Hause sind, vielleicht noch wirklich in krassen Abhängigkeiten sind, was Mahlzeitenstrukturen angeht, Regeln angeht, wenn du die Füße unter meinen Tür stellst und solche Sachen, dann ist es einfach deutlich schwieriger. Ich sage immer, nicht unmöglich, aber schon verdammt hart, gerade wenn man so jung ist und so eine Resilienz, so eine Erfahrung oder dieses, wofür mache ich das jetzt, was steckt da eigentlich wirklich dahinter, gar noch nicht hat. Deswegen appelliere ich da auch immer und versuche auch gerade in meinen Coachings immer auch, die Eltern mit ins Boot zu holen und zu gucken, was ist in einem System auch, wo Eltern auf einer völlig anderen Ebene ohne Schuld zu geben. Weil ich sage immer, auch die Eltern sind ja nicht schuld, dass das Kind eine Essstörung entwickelt hat. Und das ist das, was glaube ich auch in den Klinikskontexten viel passiert, was dann natürlich auch wieder zu Scham, zu schlechten Gewissen, zu Streit in den Familien führt und damit eigentlich in diesen Abwärtskreislauf, weil damit ist ja niemandem geholfen.
Madeleine
00:28:58
Ja, und ich hatte das tatsächlich sehr früh verstanden. Also dadurch natürlich, dass ich zwei lange, ich meine, ich war zweimal sechs Monate in einer Klinik für Ersteuerung, so in einem sehr jungen Alter, sehr viel Therapie. Also man wird da ja, es ist einer der Gründe, warum ich so krass mich für Psychologie interessiere und auch in den Bereich Coaching gegangen bin. Aber es wird dir wirklich sehr viel erklärt, sehr viel über die eigene Psyche und eben auch, wie du sagst, über das System zu Hause. Und als ich aus den Kliniken kam, wollte ich ganz bewusst eine Familientherapie. Ich habe mich eigentlich erst mal richtig gewehrt gegen eine Einzeltherapie, weil für mich klar war, es bringt nur zu so einem Anteil was, wenn ich an mir arbeite, aber die anderen da draußen machen ihren Shit weiter, wie vorher. Weil dann werde ich einfach wie nur andere Wege wieder suchen müssen, um irgendwie damit herzukommen. Wurde aber, wie wahrscheinlich in vielen Familien, nicht angenommen, nicht so gesehen, sondern nur der Kranke wird bearbeitet, sozusagen. Und wie du auch schon sagst, mit Orthorexie und so oder auch mit meinem exzessiven Sport, das waren eigentlich alles nur Versuche, um aus diesem gestörten Essverhalten rauszukommen, aus diesem Brechmuster rauszukommen oder aus diesem gar nichts. Also der exzessive Sport war eigentlich meine Hilfe, aus dem gar nichts Essen rauszukommen. Das war meine erste und auch komplett bewusste Ersatzsucht. Ich habe damals damit kein Problem gehabt, zu meiner Mutter zu sagen, ey, ich gehe lieber jeden Tag zwei Stunden ins Stimm, aber ess dafür und lebe dafür. Also da war ich mir bewusst, das ist eine Ersatzsucht, die irgendwann auch exzessiveres Ausmaß genommen hat, wie am Anfang, ja, muss man sagen und ist dann natürlich auch ungesund geworden. Aber war auf jeden Fall am Anfang schon mal der gesündere Weg. So, es war wie so ein Step. Und die Orthorexie war am Ende, die ich, war eigentlich nur der Versuch, aus diesem Erbrechen rauszukommen. Aus diesem Vermeiden von den Lebensmitteln, die mich triggern, in einen Essanfall zu rutschen. Und da dachte ich, okay, wenn ich diese Sachen einfach meide und mich komplett clean ernähre, dann bin ich aus der Bulimie raus. was aber natürlich nicht funktioniert auf Dauer, weil dein Körper weiter in diesem Mangel bleibt und du dir ja alles verbietest und was du dir verbietest, willst du umso mehr und irgendwann landest du so oder so dann doch wieder in einem Essanfall und dann ist es wie so ein Schlagabtausch.
Romy
00:31:32
Ja, und das ist ja auch, also letzten Endes ist es ja auch eigentlich erst mal nur, also gerade eben, wenn wir so in diese Sportzucht auch reinkommen, ist letzten Endes ja nur eine andere Form von Bulimie. Also es gibt ja auch direkt die Sportbulimie, weil ich sage mal, ob du es jetzt direkt wieder rausbringst auf den Weg, wie es reingekommen ist oder eben indem du die Energie, die du zugeführt hast, einfach an anderer Stelle so exzessiv wieder verbrauchst, macht auf einer Ebene gut für den Körper und die Speiseröhre und die Zähne und alles, was dranhängt, schon, aber im Ergebnis ja nicht, weil die Botschaft ja immer noch ist, okay, das, was ich gegessen habe oder all das, es ist einfach falsch und ich kann deinen Ansatz aber so, so gut verstehen, weil das war ja auch der Punkt, wo es mich damals auch in die Orthorexie gebracht hat, dass ich gedacht habe, okay, wenn ich von den Lebensmitteln mich nicht bremsen kann, nicht aufhören kann, weil ich hatte ja auch keine Ahnung von Extremhunger und gar nichts und habe den Lebensmitteln dann halt die Schuld gegeben, die es ja aber gar nicht waren, sondern eben, wie du es gerade gesagt hast, das Verbot ist das Problem, weil dann steht es auf dem Podest und was auf dem Podest steht, ist natürlich besonders spannend und wenn du dann rankommst und du mangelernährt bist und in einem Energiedefizit und in einem Genussdefizit und was nicht noch alles dranhängt, dann ist es einfach erst mal klar, okay, boah, ich will mehr davon und gerade die Orthorexie ist ja auch so dieses, ich weiß nicht, wie es dir ging, aber ich habe ja dann angefangen und dachte mir so, okay, wenn das Snickers ein Problem ist, wie kriege ich das denn dann gesünder hin, dass wenn ich es esse, es ja dann gar nicht so schlimm ist.
Madeleine
00:32:52
Ja, ja, oh Gott, ja, ja und die ganzen Pöberchen und was auch immer und bloß sugar free, ich mache mir die geilsten Sachen, aber alles dann zuckerfrei, ja, ja, ja und dann halt auch noch in Kombination und ich weiß, also, wenn du dann auch noch gleichzeitig so wie ich, weil meine Sportsucht war nie so, dass ich gesagt habe, okay, ich weiß, ich habe jetzt 1000 Kalorien zu viel gegessen, ich muss jetzt so und so viele Stunden Sport machen, damit ich es raus habe, das war bei mir nie so. Ich habe fixe Zeiten gehabt, jeden Tag halt einfach und die habe ich eingehalten, ja, das heißt, es war immer eine kontrollierte Sucht, so in dem Sinne, aber das hieß auch, dass ich solche Essanfälle eben nicht durch den Sport ersetzen konnte, weil ich mich da sehr streng reguliert habe, dass ich nicht mehr als meine drei Stunden Sport am Tag mache, was ja schon eine Menge ist, fragend viel ist so, aber das ist natürlich dann auch ein Limit, wo ich weiß, in diesen drei Stunden kann ich jetzt gewisse Mengen nicht ausgleichen, geschweige denn von dem Gefühl, was du natürlich im Magen hast nach so einem richtigen Essanfall auch, dass ich dann halt beides hatte, dass ich halt wirklich, wie du auch sagst, Sport, Sport hatte und die Bulimie, wenn es halt zu einem Extrem gekommen ist, dass ich es nicht anders hätte ausgleichen können, aber ich es auch ganz genau, wie du es auch beschrieben hast, versucht habe mit diesen, dann mache ich mir gesundes Snickers, dann mache ich mir gesund das, gesund das, gesund das, bloß nur keinen Zucker oder was auch immer und das Schlimme, und das ist ja heute immer noch so, ich meine, das ist bei mir jetzt schon zehn Jahre her, aber die Fitnessindustrie, I'm sorry, aber die pusht das des Todes.
Romy
00:34:36
Ja, also gerade in dieser Bubble drinnen und ich meine, es gibt ja sehr, sehr große Firmenmarken, wie auch immer mit sehr interessanten Köpfen, die da einfach wirklich, also da ist ja eine Industrie drumherum entstanden und das ist ja auch genau das, weil letzten Endes profitieren sie ja von unseren Ängsten oder geben uns was, was vermeintlich gesünder ist und das ist glaube ich, und deswegen sage ich ja selbst, die Orthorexie ist ja nie gleich, weil, war es gesundes oder was ungesundes, ich hatte zum Beispiel immer mega Angst vor Zuckerersatzstoffen, also ich wäre davor eher gefeit gewesen, hatte dafür aber andere Dinge, die letzten Endes ja trotzdem alle in der Mangelernährung enden, aber wie gesagt, es wird ja heute sogar gepusht und auch mit diesen ganzen Trends, was eben da ist und alleine, wenn wir bestimmte Lebensmittel auf den Podest heben, Protein gerade oder jetzt habe ich Proteinjoghurts mit Kreatin gefunden, ich dachte, der nächste Trend wäre Ballaststoffe, gut, da habe ich mich ein bisschen verschätzt, aber es hört ja nicht auf und diese Botschaften, die damit mitkommen und auch gerade, wie du es beschreibst, weil dir war ja klar, es ist nicht gut, es ist auch nicht gesund, in der Essstörung so zu bleiben, also was ist der gesündere Weg, also wenn wir das mal anerkennen, war es ja ein liebevoller Versuch, dich aus diesem komplett Schädlichen rauszuholen, aber was sich auch zeigt und gerade mit dem Sport, hast du es gerade gut beschrieben, dieser, das, was dich ursprünglich reingebracht hat, nämlich dieser Wunsch nach Kontrolle, den letzten Endes auf den Sport zu übertragen, auch weil, den konntest du weiter kontrollieren, weil dass das mit dem Essen nicht funktioniert, das hat dein System ja dann doch relativ schnell gemerkt.
Madeleine
00:36:02
Und das sind dann diese Verschiebungen, also im Endeffekt, und das ist ja auch das, wieso ich jetzt, also wenn wir jetzt über Recovery sprechen, ich glaube, ich war ewig lang im Recovery-Prozess drin, weil ich immer wieder versucht habe, es besser zu machen und da rauszukommen und eben nie gewollt noch in der Essstörung drin war, ja, es war immer ein, ich will dich eigentlich nicht, aber irgendwie bist du immer noch da, also was muss ich noch mehr machen, wo muss ich noch strenger sein, noch das, damit du gehst und das ist komplett der falsche Ansatzpunkt, komplett. Und auch dieses, wie du sagst, du hast jetzt Angst vor Süßstoffen, okay, ich hab dann irgendwie den ganzen Schrank vor Süßstoffen gehabt, hab nur noch davon, das ist, und dieses, ja, Zucker ist ja nicht gesund. Das, was im Übermaß ist, ist nicht gesund. Ja. Ja, selbst übermäßig, wenn du übermäßig Gemüse isst, so viel Ballaststoff isst, dann kann selbst dann dein Darm überfordert sein, Blähungen des Jahrhunderts haben und Schmerzen. Gerade dann.
Romy
00:37:03
Eben.
Madeleine
00:37:04
Und das ist das, glaube ich, was ich finde, was am meisten da draußen in die Köpfe der Menschen und der Frauen und der Männer, egal wen, rein muss, es muss in Balance sein, damit es wirklich langfristig funktioniert. Das heißt, nicht das eine ist gesund und das andere ist ungesund, sondern die Menge macht das Gift. Ja.
Romy
00:37:26
Ich sag immer, die Schubladen funktionieren nicht, die Schubladen sind kaputt. Ja. Es ist aber leichter, weil sich da reinzustecken, gibt wiederum ja auch eine Orientierung und einen Halt, wenn wir sagen, okay, wirklich eine, auch hier, was ist ausbalanciert, was ist das? Der Klassiker, auch hier ausgewogen, ja, was ist das denn heutzutage? Und das ist ja auch für jeden Menschen unterschiedlich. Jemand, der total im Mangel ist, der kriegt aus einem Salat verdammt wenig rausgezogen. Wenn du den dann auch noch ohne Fette isst, ja, dann kommen nicht mal die Vitamine an, dann kannst du dich mit dem Volumen vollpumpen, es ist aber nicht gesund. Wie gesagt, auch gerade, gibt ja leider auch immer wieder auch in den Medien krasse Beispiele von zum Beispiel einer Rohveganerin, die gestorben ist, einfach weil sie ja so viele gesunde Lebensmittel gegessen hat, an Gemüse und Obst und keine Ahnung was, aber der Körper einfach nicht mehr konnte. Das heißt, also wenn ich wirklich eine Sache gelernt habe, dann, dass diese Varianz, diese Abwechslung, wirklich alles einfach zu haben, weil auch das, was gesund ist, es ändert sich ja, wie gesagt, bis vor ein paar Jahren hieß es, süße Stoffe und super gesund und besser als Zucker und na na na. Inzwischen gibt es einen Rückwärtstrend, der sagt, hä, iss einfach den normalen Zucker und den in normalen Mengen viel besser als Süßstoffe, die gerade, wenn du es mit dem Darm hast, ich weiß nicht, ob du das gemerkt hast, aber wahrscheinlich hat dein Darm so mit deiner Vorgeschichte jetzt auch nicht gerade geprollt, ja, ja, Halleluja, Süßstoffe. Ne,
Madeleine
00:38:39
also sagen wir mal so, Darmthema habe ich ja ewig lang schon gehabt, bin ich ja genau wie du auch mittlerweile Gott sei Dank frei, ne, also wir haben ja unsere schönen Darmfutter. Mein Darmfutter, ich habe heute noch hier auch eine Kundin gehabt und die mit dem Öl jetzt, ne, mit der ich nochmal mit dem Öl das besprochen habe, aber mein Darmfutter, auf das verzichte ich nicht. Ich habe eine Freundin jetzt empfohlen, die sagt so, ich kann jeden Tag auf Toilette gehen, ganz normal, oder? Es ist Wahnsinn, aber nein, natürlich, meine Essstörung hat meine chronische Darmerkrankung, die ich von Geburt an hatte und alles, was damit zusammenhing mit der Ernährung, 0,0 geholfen, 0,0, ja, und ich habe ja auch irgendwann dann auch noch einen Reizdarm entwickelt, das sind alles so Nebeneffekte, die auch durch die ganzen Essstörungen kamen, wo ich einfach sagen muss, mein Körper hat, also ich habe mich die ganze Zeit belogen und meine Außenwelt auch, aber mein Körper hat mir dauerhaft gezeigt, dass ich absolut nicht auf dem richtigen Weg bin,
Romy
00:39:36
so,
Madeleine
00:39:37
und ja, das ist mit dem Darm nicht geil, aber wie du sagst, es ist, jeder ist individuell und dieses Thema, das finde ich nämlich auch nochmal schön, vielleicht nochmal kurz, ganz kurz aufzugreifen, wir suchen alle nach Kontrolle und alle nach Stabilität, aber wieso, und das ist auch ein Thema der Essstörung, suchen wir die so stark im Außen, so, wenn uns Vertrauen fehlt. Ja,
Romy
00:40:02
und das ist ja genau das, weil Vertrauen ersetzt Kontrolle, aber, und das ist ja auch das, was du beschrieben hast, was dir sehr, sehr früh aberzogen wurde, weil du hast ja gegessen, du hast auf deinen Körper gehört, du hast die Defizite, die dein Körper ganz offensichtlich hatte, ausgeglichen, aber für das Umfeld, weil es sich das nicht vorstellen konnte, kamen einfach immer wieder Botschaften, dass das falsch ist, dass es nicht richtig ist, dass es anders sein sollte und das führt natürlich krasses Misstrauen, gerade als Kind, wenn du auch darauf angewiesen bist, was dein Umfeld sagt, weil du vertraust ja darauf, dass die das wissen, aber wie gesagt, wie viele Menschen, Erwachsene sind heutzutage ja auch, und da rede ich gar nicht mehr von Essstörungen, aber einfach so von dieser Diätgesellschaft auch geprägt und machen es ja auch im besten Wissen und Gewissen und auf Sorge, also ich unterstelle da niemandem einen bösen Willen, aber es ist einfach so vorgeprägt und das ist letzten Endes auch ein Grund, warum ich eigentlich sehr, sehr dankbar bin, jetzt rückblickend, also die 20 Jahre dazwischen hätte ich auf einer Ebene schon verzichten können, aber das, was ich darüber eben auch gelernt habe und wie viele Dinge einfach von dem, was man so als normal verkauft kriegt, eben nicht normal sind, sondern diesen Zugang wirklich wieder zu bekommen und du hast es ja gerade auch ganz klar beschrieben, dein Körper hat dir gesagt, nee, das ist es nicht, meiner hat es mir auch ganz klar gesagt, keine Periode, Verdauungsprobleme, mehrere Tage nicht aufs Klo, können Gastroparese satt sein, nachdem man einmal von irgendwas abgebissen hat, das ist ja nicht normal und es wird ja in der Regel auch eher über die Jahre schlimmer, also es geht ja meistens und zumindest, wenn man nicht keine Vorerkrankung hat, auch nicht sofort damit durch, also der Körper ist ja unglaublich vergebend, aber irgendwann geht es halt einfach nicht mehr.
Madeleine
00:41:36
Ja, eindeutig, einbeugend.
Romy
00:41:39
Und wie du es beschrieben hast, du hast ja auch mehrere Recovery-Anläufe gebraucht und es ist, also wirklich, wenn wir uns das mal angucken, weil viele sagen, oh, ich bin gescheitert und das war ein Rückschritt und ich denke mir immer so, nee, wir haben eine Erfahrung gesammelt, wie es eben auch nicht geht und gerade, wenn wir halt auch niemanden haben, der uns so ein Stück weit auf dem Weg auch an die Hand nimmt und sagt, hey, das gehört dazu oder das ist jetzt gerade die Phase, in der du dich befindest, also hätten wir eine Orientierung gehabt, wäre es ja auch viel, viel leichter gewesen, da durchzugehen, aber was wir beide ja gemacht haben, einfach weil es auch so wenige Ressourcen gab und es ist heute noch so, dass viele Kliniken oder auch Fachkräfte einfach von Extremhunger und Co. überhaupt keine Ahnung haben, bis das in die Lehrbücher kommt, es dauert halt einfach auch Ewigkeiten und da eben wirklich auch zu sagen, okay, ich habe jemanden, dass ich vielleicht den Weg auch einfach abkürzen kann, weil es tut mir immer so leid um die Lebenszeit, weil wir haben es ja in der besten Intention getan und das vielleicht auch mit reinzunehmen, weil mich hat eine Frage für uns tatsächlich auch noch auf Instagram erreicht und zwar zum Thema Rückfälle auch und zwar, wie kann man diesen Selbsthass bei Rückfällen, der zu weiteren führt, ablegen? Weil Selbsthass und Rückfall und gerade die starken Gefühle sorgen ja dann dafür, dass die Essstörung eher noch richtig Feuer fängt. Was würdest du sagen?
Madeleine
00:42:55
Also, ich habe mir die Frage nämlich heute auch nochmal durchgelesen und da ist mir ein Blick gekommen, dass ich schon ein Jahr, nachdem ich eigentlich mit der Bulimie wirklich durch war und überhaupt wirklich, sage ich mal, das erste Jahr nach 14 Jahren frei mit dem Essen gelebt habe, einen bewussten Rückfall hatte. Einen wirklich komplett bewussten Rückfall, weil ich eben noch einen Reflux hatte, den ich leider mitgezogen habe von der Bulimie, der kam auf, also ich hatte 10 Jahre Reflux und zwar keinen leichten, sondern so einen, dass man nachts fast erstickt, weil einem die Säure in die Luftröhre kommt, also so einen schönen Reflux und der sich natürlich auf Stresssituationen und ich muss jetzt einfach sagen, meine letzten 10 Jahre waren halt alles andere als stressfrei, so sehr stark ausgeprägt hat und ich wusste, ich muss jetzt etwas essen, dass das auffängt, aber was mir nicht gut tut und ich werde es wieder ausbrechen, weil so kommt die Säure raus, so ohne mir zu schaden und in Bezug auf die Rückfälle ist es glaube ich, dass du dir bewusst machst, okay, das war jetzt ein Rückfall, aber warum habe ich dazu gegriffen? Also in diesen Beobachterstatus zu gehen und das wirst du aus deinen Coachings kennen, ich kenne es aus meinen Coachings, so ne, wir sind alle irgendwo Beobachter und diese Rolle einzunehmen ist glaube ich sehr, sehr wichtig, dass du dich nicht wie in diese Rolle reinmachst, okay, ich bin jetzt wieder die Essstörung und ich bin jetzt der Versager, ich habe wieder die Kontrolle über mich und verloren und dadurch die Essstörung den Raum geben, sondern, okay, ich habe in diesem Moment jetzt diesen Weg gewählt. Warum habe ich den Weg gewählt? Warum ging es jetzt für mich gerade nicht anders und was bräuchte die Version, die anscheinend keinen Ausweg gesehen hat und diesen Weg gewählt hat, was bräuchte die jetzt wirklich von mir? Braucht die jetzt, dass ich die fertig mache oder braucht die Mitgefühl? Braucht sie in den Arm genommen werden? Möchte sie, also wirklich so da drauf zu gucken? Weil ich habe damals gewusst, das, was ich jetzt tue, ist eigentlich genau das, was ich in der Polybidimie gemacht habe, aber ich wusste, warum ich es gerade tue. Ich wusste, diese Säure, die die ganze Zeit mich hier zerätzt, muss raus und ich kann sie nicht ohne Nahrung rausbringen. Also, habe ich mir Sachen reingehauen, ja, und habe es ausgebrochen. aber danach war für mich, okay, ich habe mir jetzt in einer Sicht gerade selber geholfen, es ging nicht anders, ich muss aber gegen das Ursprungsproblem was machen auf Dauer.
Romy
00:45:23
Weil sonst bist du ja wirklich wieder drin, weil klar,
Madeleine
00:45:26
es hilft natürlich kurzfristig, aber was sind die langfristigen Folgen? Dass es halt auch immer so problematisch, es gibt neben Erkrankungen, neben Folgeschäden, die die Ursprungserkrankung triggern können und dass man wirklich da auch ansetzt, muss ich ganz ehrlich sagen. Also, ich habe mir meinen Reflux operieren lassen müssen nach zehn Jahren, weil leider nichts anderes mehr möglich war und alles sehr zerstört war in meinem Körper. Magen verrutscht war auch, sodass irgendwann nichts mehr drin geblieben ist, leider, obwohl ich eben keine Erstörung mehr hatte. Aber dann auch zu sagen, okay, ich muss den Weg gehen, um da Heilung zu finden, damit das andere gar keinen Raum mehr hat, auch für die Zukunft. Aber wirklich da mit dieser Nachsichtigkeit sich selber gegenüber entgegentritt, weil jeder Heilungsweg, und das darf man sich wirklich vor Augen halten, bedeutet immer, wo auch kleine Rückschritte. und das ist nicht dafür da, damit du denkst, ich bin scheiße oder ich kann es nicht, sondern damit du siehst, okay, wow, jetzt habe ich zwar einen kleinen Rückschritt, aber das heißt, ich brauche kurz eine Pause und kann dann wieder drei Schritte nach vorne machen. Es ist wie, ich stelle es mir immer so vor, als ob das Leben dich testet, wie gut hast du daraus gelernt? Ja. So wirklich so kleine Tests immer wieder und das wird dir auch im Leben auffallen und jeder, der sich mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftigt, wird das nicht nur im Bereich Essen finden, sondern generell im Leben, sei es Beziehungen, sei es irgendwelche anderen Triggerpunkte. Das Leben testet dich, ob du aus deinen Lektionen gelernt hast und so ist das bei der Recovery auch. Ja. Es ist wie kein Versagen, sondern es ist ein Zeichen. Ich habe lange durchgehalten, jetzt habe ich mal wieder einen Down, das heißt, ich werde beim nächsten Mal wahrscheinlich noch länger schaffen und es ist ein Implementieren. Und nachjustieren ja
Romy
00:47:09
letzten Endes auch. Ja. Weil, was du beschreibst, ist ja auch, wir lernen ja etwas daraus. Also zumindest, wenn wir hinschauen, weil das ist so der Punkt auch, in dem Moment, wo wir in die Selbstverurteilung dafür gehen, uns nochmal klein machen, nochmal draufhauen, haben wir ja gar keine Chance, was zu lernen. Also dann sind wir so mit der Verurteilung beschäftigt und was ich dem auch gerne entgegensetze, ist wirklich Neugier. Also auch wirklich zu gucken, okay, was ist da gerade passiert? wieso hatte ich das Gefühl, ich brauche das jetzt nochmal und dann das wirklich auch zu erforschen. Hat mir das jetzt wirklich geholfen oder hat es nur kurz wie so ein Pflaster draufgeklebt, aber das löst sich eigentlich schon wieder ab, weil ich bin nämlich schon wieder dran zu piepeln und es hält gar nicht. Und dann eben zu erkennen, okay, was hätte vielleicht stattdessen wirklich auch mir jetzt eigentlich besser geholfen, weil mein Problem ist ja hinterher nicht weg. Dein Reflux-Problem war ja dadurch auch nicht weg. aber es hat dich offensichtlich zu der Erkenntnis gebracht von, okay, welche Wege gibt es denn noch und da auch nachzuforschen, was brauche ich vielleicht und ja, gerade wenn der Körper eben auch langfristige Schäden genommen hat, dann eben auch zu gucken, brauchst vielleicht, wie in deinem Weg jetzt einen operativen Eingriff, um die Ursache zu beseitigen. und oft ist ja auch genau das und deswegen ist es auch so wichtig, an diesen Hintergrundthemen und eben auch an diesen Funktionen der Essstörung zu arbeiten, weil wenn die Ursache nicht weg ist und wir immer wieder in das Gleiche reingehen, da es aber auch nicht, verstehen uns nicht mit, ja, einfach auch dieser Neugier begegnen können, dann landen wir immer wieder da drin und da wirklich, also Selbstverurteilung gegen Neugier und eben im nächsten Schritt auch, weil in dem Moment, wo die Neugier kommt, wir verstehen, warum wir das nochmal gemacht haben, diesen Weg eben nochmal gewählt haben, dann kann ja überhaupt auch erst ein Mitgefühl entstehen und aus diesem Mitgefühl heraus, weil ich sage immer, wir können uns ja auch nicht in die Selbstliebe hassen, das funktioniert einfach nicht und ein Kind auch, Kinder lernen nicht in Angst, unser System lernt nicht in Angst, wenn unser Sympathikus aktiv ist und wir eigentlich innerlich auf der Flucht, in Vermeidung oder Kampf, wenn wir aber in die Entspannung kommen, uns verstehen, uns ja, letzten Endes da einfach auch auf einer liebevolleren Weise begegnen können und das ist wirklich was, was wir lernen müssen, also müssen wir nicht, aber es hilft zumindest sehr.
Madeleine
00:49:17
Doch, es ist wirklich etwas, wo ich sage, das sollte ein Schulfach werden. Ja, das finde ich auch. Also, das ist wirklich was, das sollte ein Schulfach werden, dieses Selbst, also überhaupt, Selbstmitgefühl, Selbstannahme, Selbstreflexion, Selbstliebe, das finde ich, da wäre für einige da draußen im Gemeinsamen viel gemacht, wenn das schon als Kind angelehrt wird.
Romy
00:49:40
Ganz ehrlich. Absolut. ist so viele Sachen. Aber das ist genau das,
Madeleine
00:49:43
was du auch sagst mit dieser Stimme, weil, dann auch nochmal zu reflektieren, diese Stimme, die dich dann verurteilt für den Rückfall, ist das dann nicht dann auch wieder ein Teil der Essstörung, die dich ja die ganze Zeit verurteilt für, das ist du nicht richtig, das ist du nicht richtig, das ist du nicht richtig, dieser innere Kritiker, der einfach die ganze Zeit an ist, so, weil das, was dich in die Essstörung getrieben hat, wird dir nicht helfen, da rauszukommen. Ja,
Romy
00:50:10
ich sag auch immer, wir können ja nicht die Lösung da suchen, wo das Problem entstanden ist.
Madeleine
00:50:14
Nein.
Romy
00:50:15
Also wir können nicht mit den gleichen Sachen, die uns reingebracht haben, versuchen wieder rauszukommen. Ja. Wenn der Hammer nicht funktioniert für eine bestimmte Sache, dann macht es keinen Sinn, den Hammer weiter zu benutzen. Ja. Und was ganz,
Madeleine
00:50:25
ganz wichtig, also was ich wirklich für mich gelernt habe in Bezug auf Rückfälle und überhaupt auch in Bezug auf, wie komme ich dauerhaft aus einer Essstörung raus, verheimliche es nicht.
Romy
00:50:38
Ja.
Madeleine
00:50:38
Diese Heimlichtuerei, dieses hinter verschlossenen Türen und das führt dazu, dass du dich selber belügst, dass du selber irgendwann auch dir noch weniger vertraust, weil du ja dir selber ganze Zeit Lügen erzählst und nach außen hin die ganze Zeit auch etwas anderes zeigst, als du bist. Bei mir hat sich sehr viel getan, also von meiner Magersucht wusste jeder, von meiner Bulimie nie. Das war so, klar, am Anfang meine Familie, aber als ich dann irgendwann durchgebracht habe, ich habe keine Bulimie, es ist alles super. Ich habe das Misstrauen der anderen gespürt, ist klar, bei jedem Spaziergang zum Kühlschrank wurde ich beobachtet. So, aber ich habe mir selber wie auch immer eingereben, ich habe nichts, ich habe nichts und dadurch einen Druck auf mich aufgesetzt, Dinge zu verheimlichen, mich zu verheimlichen, meinen Ballast zu verheimlichen und als ich das geändert habe und gesagt habe, ey, ich stehe da zu und ich sage jetzt meiner Partnerin oder meinem Partner, ich hatte einen Rückfall, ich stehe da jetzt zu, dann macht man Türen auf, wo man sich selber nämlich nicht mehr hinter irgendwas verstecken kann.
Romy
00:51:44
Ja.
Madeleine
00:51:44
Und das nimmt der Essstörung ganz viel Kraft.
Romy
00:51:48
Ja, und das ist ja auch genau dieses, also wirklich diese radikale Ehrlichkeit mit sich selber, weil, also das haben wir offensichtlich beide sehr gut auch durch, wir können ab einem bestimmten Punkt nach außen hin alles verkaufen. Unser gesundes Ich, was uns ja aber auch wohnt, das merkt es. Und spätestens, wenn wir anfangen, Dinge zu verheimlichen oder vielleicht auch vor uns selber wegdrücken oder uns gar nicht selber erlauben hinzuschauen und sagen, oh, hier einmal, zwei Mal, das war schon okay. Ich sage mal, in der Heimlichkeit wächst ja auch die Scham. Und mit Scham, also das ist ja wirklich so eines der niedrig schwingendsten Gefühle überhaupt, ist es natürlich umso schwieriger oder auch dieses Gefühl von ich habe versagt, ich erlebe das doch manchmal so in Coachings eben wirklich kommen und sagen, da gab es die Woche vielleicht ein Thema und das ist mir schwer gefallen und da kommt es ja auch manchmal sehr aufs Umfeld an. Wie reagiert das dann da drauf? Überhäuft ich das dann mit Verurteilung? und wieso hast du nicht und das solltest du doch jetzt mal besser wissen und nö, nö, nö? Oder eben auch mit einer Neugier so, hey, okay, erzähl mir mehr davon. Wie kam es dazu? Was hat vielleicht dazu beigetragen und es gemeinsam wieder zu erforschen und dann daraus auch wieder Lösungen zu entwickeln? Und dann hat jeder Rückfall auch wirklich die Chance, eine Mega-Lernchance zu werden und in dem Moment ist es kein Rückfall mehr. Also ich sage immer, in dem Moment, wo wir wirklich was draus gelernt haben, war es eine Erfahrung, aber kein Rückfall. Ja.
Madeleine
00:53:06
Und auch vom Verhalten her vielleicht schon, aber nicht im Ergebnis. und es ist ja auch wie immer so eine Bewertung, eine eigene Bewertung der Dinge. Wie bewertest du das jetzt für dich? Wenn du jetzt im Test, also wenn du jetzt als Schülerin im Test eine 3 geschrieben hast anstatt eine 1, ist es deine Bewertung, ob du das als Niederlage siehst oder als eine Leistung oder Erfolg sogar. Und es ist wirklich, da entsteht die Arbeit. Es entsteht da die Arbeit, wo du merkst, okay, es läuft noch nicht so, wie ich es mir gerne wünsche. Aber ich glaube weiterhin an mich. Ich bin weiterhin lieb mit mir. Ich bin weiterhin nachsichtig mit mir. Und ich gehe weiterhin diesen Weg. Ja.
Romy
00:53:51
Und damit würde ich auch gerne zu dem kommen, was dir auch wirklich geholfen hat. Denn, also wenn man so auf dein Profil schaut, dann brüllt einen die Selbstliebe ja an. Und deswegen, du hast es ja final geschafft, Gott sei Dank, auch rauszukommen.
Madeleine
00:54:06
Und damit möchte ich für heute erst mal einen Cut machen,
Romy
00:54:09
denn in dem Gespräch mit Madeleine sind wir einfach so tief eingetaucht, dass es zwei Teile gebraucht hat. Und nächste Woche verrät uns Madeleine dann, was ihr wirklich geholfen hat, nach 14 Jahren endlich frei zu werden. Und so viel sei schon mal gesagt, es hat mit dem kompletten Gegenteil von dem zu tun, was wir beide so lange versucht haben. Also sei unbedingt wieder dabei und bis dahin erst mal alles Liebe von uns beiden. Vielen Dank, dass du dir Zeit für eine Tasse Reality mit mir genommen hast. Ich hoffe, diese Folge hat einen kleinen positiven Unterschied in deinem Tag gemacht. Mit deiner Fünf-Sterne-Bewertung kannst du genau diesen Unterschied auch im Leben anderer lebensfondiger Frauen bewirken, die diesen Podcast noch nicht gefunden haben und sich ebenfalls nach einem Leben in Freiheit und Authentizität sehnen. Ich danke dir von Herzen und freue mich auf Instagram mit dir in Kontakt zu bleiben. Alle Links findest du in den Shownotes. Bis zum nächsten Mal.

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