#5 Teil 1 - Die Kunst des Loslassens der Essstörung
Der goldene Käfig - Die versteckten Funktionen der Essstörung
07.05.2025 38 min
Zusammenfassung & Show Notes
In dieser ersten Folge meiner dreiteiligen Serie „Die Kunst des Loslassens der Essstörung“ tauche ich tief in die Frage ein, warum es uns so unfassbar schwerfällt, die Essstörung loszulassen – selbst wenn wir uns nichts mehr wünschen als Freiheit.
Ich teile mit dir sehr persönliche Erfahrungen aus meiner eigenen 20-jährigen Essstörungsgeschichte und enthülle die verborgenen Funktionen, die eine Essstörung für uns erfüllen kann – Funktionen, die kaum jemand anspricht, die aber entscheidend für deinen Recovery-Weg sind.
Du erfährst, wie Essstörungen als emotionale Schutzräume wirken, wie sie zur Identität werden und welche unbewussten Vorteile sie uns bieten können. Ich spreche darüber, wie unser Körper zum stillen Kommunikationsmittel wird, wenn wir keine andere Sprache für unsere Bedürfnisse und Grenzen finden.
Die Essstörung ist wie ein goldener Käfig: Sie gibt Schutz, Struktur und hat gewisse Vorteile, nimmt uns aber auch die Freiheit. Sie hilft uns vielleicht, schwierige Gefühle zu regulieren, gibt uns eine Identität und lässt uns Aufmerksamkeit und Fürsorge bekommen, die wir sonst vermissen würden. Diese und viele weitere Funktionen machen es so schwer, sie loszulassen, selbst wenn wir unter ihr leiden.
Wenn du dir Unterstützung auf deinem Weg wünschst, um deine Essstörung loszulassen und die tieferen Zusammenhänge verstehen möchtest, könnte ein systemischer, identitätsbasierter Ansatz für dich hilfreich sein.
In meinem 1:1-Coaching betrachten wir gemeinsam nicht nur die Essstörung und Symptome, sondern auch dein Umfeld und deine Identität. Wir entwickeln ganz praktische, umsetzbare Strategien für deine individuelle Situation.
Suche dir hier unter romy-hoerbe.de/kontakt gern einen Termin für einen kostenfreien Discovery Call mit mir aus. Dort schauen wir gemeinsam, wo du stehst, und finden heraus, wie ich dich unterstützen kann – denn mit der richtigen Unterstützung ist der Weg aus dem goldenen Käfig deutlich leichter.
In der nächsten Folge dieser Serie werden wir darüber sprechen, warum der Weg in die Freiheit zunächst durch mehr Dunkelheit führt und warum sich Recovery anfangs wie eine Verschlechterung anfühlen kann, bevor es besser wird.
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Über Romy Hörbe - Coach für entspanntes Essverhalten und Körperakzeptanz
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Dieser Podcast ersetzt keine professionelle therapeutische oder medizinische Betreuung. Bei akuten gesundheitlichen Problemen wende dich bitte an entsprechende Fachpersonen.
Transkript
Hallo und schön, dass du hier bist bei Romy's Recovery Reality.
Ich bin Romy Hörbe und nach 20 Jahren Essstörung vollständig recovered.
Heute lebe ich mein bestes Leben, ohne Masken, aber mit ganz viel Lebensfreude und Authentizität.
Meine Mission ist es, lebenshungrigen Frauen zu helfen, genau das Gleiche zu tun.
Dieser Podcast ist für dich, wenn du dir tiefe Transformation statt reiner Symptombekämpfung wünschst.
Ich nehme dich mit auf den Weg in die Freiheit und teile ungeschminkt, was mir wirklich geholfen hat.
Mit Herz, Klarheit und der Expertise als Deutschlands erster CCI-zertifizierte Recovery Coach.
Mach es dir gemütlich mit deinem Lieblingstee und lass uns gemeinsam entdecken,
wie viel größer dein Leben jenseits der Essstörung sein kann.
Heute starte ich in eine besondere dreiteilige Serie zum Thema die Kunst des Loslassens der Essstörung
mit dem Hintergrund, warum fällt es uns eigentlich so, so schwer, die Essstörung loszulassen.
Und in diesen drei Folgen werden wir gemeinsam erkunden, warum es so unfassbar schwer sein kann,
die Essstörung loszulassen, selbst wenn wir uns nichts mehr wünschen als Freiheit.
Und in dieser ersten Folge soll es vor allem um den goldenen Käfig der Essstörung gehen,
und zwar um die versteckten Funktionen, die sie für uns hat.
Und in der Vorbereitung auf diese Folge habe ich mir gedacht, hui, okay, das geht hier wirklich tief
und wird auch sehr, sehr persönlich, weil ich hier wirklich Dinge mit dir teilen werde,
die ich so öffentlich noch nie angesprochen habe und die aber so, so wichtig sind,
weil gerade diese versteckten Funktionen der Essstörung sind, die es so wahnsinnig schwer machen.
Und es redet aber kaum einer drüber oder den meisten sind sie einfach auch nicht bewusst.
Und da ja mein großes Ziel ist, dir zu helfen, zu erkennen, was es vielleicht noch ist,
was dich hindert, beziehungsweise wie du eben diese Hindernisse auch überwinden kannst,
damit du weiterkommst.
Weil ich weiß, dass du raus willst.
Ich weiß, dass du dir ein anderes Leben wünschst als das, was du jetzt gerade führst.
Sonst wärst du nicht hier.
Und ich stand vor, ja, sechseinhalb, ziemlich genau sechseinhalb Jahren genau an der gleichen Stelle
wie du jetzt vielleicht gerade und damit auch vor dem krassesten Wendepunkt meines Lebens.
Denn ich hatte erkannt, dass die Recovery an sich alternativlos für mich ist.
Und ich hatte auch bereits viele, viele Gründe gefunden, warum beziehungsweise wofür es sich lohnen würde,
zu recoveren.
Ich hatte auch alles an Wissen, was man brauchte.
Also ich wusste genau, was müsste ich theoretisch tun und wofür würde sich das vielleicht sogar
lohnen.
Und dennoch fiel es mir unglaublich schwer, ins Handeln zu kommen.
Also ich bin vielleicht losgegangen und im nächsten Moment dachte ich wieder, nee, doch nicht.
Ja, ich sollte eigentlich oder ich müsste doch oder ich müsste doch nur.
Nee, doch nicht.
Und das zog sich und war nervig.
Und irgendwie umso öfter ich das tat, umso weniger habe ich mir geglaubt, dass ich das
wirklich noch möchte.
Obwohl ich auch genau wusste, nee, der Weg da nicht heraus, der ist keiner.
Also es gibt für mich eigentlich keinen anderen Weg.
Und dennoch drehte ich mich im Kreis und drehte mich im Kreis und dachte nur so, Romy, was ist dein Problem?
Und ich möchte heute mit dir teilen, warum dieser innere Konflikt so intensiv ist und wie ich es
geschafft habe, ihn zu überwinden und wie du es eben auch schaffen kannst, darüber hinaus zu kommen.
Und dafür habe ich dir so verschiedene Funktionen mitgebracht.
Und all das, was ich hier teile, ist zwar schon sehr viel und sehr intensiv, aber es hat nicht den
Anspruch auf Vollständigkeit.
Also alleine, wenn ich im Coaching oft sehe, wie viele Funktionen unsere Essstörung haben kann.
Also es ist natürlich jetzt auch sehr eingefärbt von meinen Erfahrungen, aber auch von denen meiner
Coaches, die ich natürlich anonymisiere.
Und sie sind aber noch lange nicht erschöpfend.
Also auch je nachdem, welche Form der Essstörung man hat, können sie immer auch nochmal unterschiedlich
sein.
Aber das sind so diejenigen, die mir am meisten begegnen und mit denen ich natürlich auch die
meisten Erfahrungen habe.
Und ich bin mir sicher, du wirst dich an der einen oder anderen Stelle auch wiedererkennen.
Aber beginnen wir bei der Essstörung als emotionalem Schutzraum.
Was meine ich damit?
Essstörungen beginnen ganz oft als emotionaler Regulationsmechanismus.
Sie sind nicht einfach eine schlechte Gewohnheit oder irgendwas, was wir uns ausgedacht haben,
weil es gerade so nett ist.
Oder sie sind auch nicht einfach eine Diät, die schiefgegangen ist, sondern sie erfüllen eben
wichtige Funktionen in unserem Leben.
Und genau das macht es so schwer, sie loszulassen.
Meine Essstörung hatte ja, wie du bereits in Folge 2 gehört hast, sehr unterschiedliche
Ausprägungen.
Und bei mir begann alles damit, dass Essen zunächst erstmal schon in der Grundschule mein
Trost, mein Freund und meine verlässliche Konstante wurde.
Wann immer ich mich einsam fühlte oder Nähe brauchte oder einfach irgendwie traurig war,
war Essen da und hat mich getröstet.
Und es war für mich da, egal was passiert ist, egal ob jemand zu Hause war oder ob ich
alleine war, ob ich mich mit jemandem gestritten hatte oder nicht.
Und insbesondere war es für mich da, als mein Leben ganz schön ins Wanken gerät.
Einerseits nach der Trennung meiner Eltern, die, ja, sagen wir mal so abgelaufen ist, wie
es ein Kind nicht erleben sollte.
Und insbesondere aber auch nach der Geburt meiner Halbschwester, als ich das Gefühl hatte,
nicht mehr zu dieser Familie dazugehören.
Und hier geht es, wie gesagt, auch nicht darum, irgendwie jemanden zu beschuldigen oder
sowas.
Es geht hier wirklich nur um meine ganz individuelle Perspektive.
Und ich weiß heute auch und habe auch viele Gespräche mit meiner Mama darüber geführt,
dass viele Dinge nicht so ideal gelaufen sind und vielleicht nach außen hin auch das
Bestmögliche getan wurde.
Aber entscheidend ist, und das ist eben auch das, was ich oft sage, es geht nicht darum,
was wir vielleicht oder was vielleicht offensichtlich als traumatisch oder als sehr verletzend
wahrgenommen wird, also von außen, sondern wie es sich für uns persönlich angefühlt
hat.
Und ich rede hier wirklich nur über meine persönliche Perspektive.
Und ja, wie gesagt, für mich war es so, als meine Halbschwester geboren wurde, dass
ich das Gefühl hatte, ich gehöre nicht mehr richtig zu dieser Familie mit meinem Stiefvater
dazu.
Und ja, habe mich einfach sehr, sehr ausgeschlossen und noch einsamer gefühlt, weil wie gesagt,
in der Grundschule war ich ja jetzt auch nicht gerade das beliebte Kind.
Also ich war immer schon eher der Außenseiter und irgendwie wurde Essen in dieser Situation
noch mehr zu meinem emotionalen Halt.
Und gleichzeitig nutzte ich es aber auch immer mehr als Ausdruck für meinen Selbstwert
und um unangenehme Gefühle zu unterdrücken.
Also da, wo ich es erst genutzt habe, um schöne Gefühle zu erzeugen, habe ich mir irgendwann
so ab der fünften Klasse nur noch erlaubt zu essen, wenn Menschen, die ich mochte, nett zu
mir waren.
Und ich verbote es mir, wenn nicht.
Und dabei hat es schon gereicht, wenn sie neutral waren.
Also ich erwarte oder beziehungsweise mir war eigentlich klar, dass ich nicht erwarten
kann, dass meine Englischlehrerin jeden Morgen mit einem froh jauchzenden Hallo und keine
Ahnung, was auf mich zustrahlt und keine Ahnung, mich in einer Sonderrolle behandelt.
Und gleichzeitig hat sich irgendwas in mir das gewünscht wohl auch, weil ich irgendwie
in diesem, also ich sage mal, gerade wenn ein Geschwisterchen geboren wird, ist es ja oft
so, dass die Mutter eben viel Aufmerksamkeit auf dem Neugeborenen hat.
Und das war für mich damals sehr, sehr schwer, weil ich mich ja schon von meinem Vater
verlassen gefühlt habe.
Und irgendwie, ich hätte mal gedacht, ich hätte vielleicht einen Vaterersatz gesucht,
aber ich habe mir irgendwie einen Mutterersatz gesucht und das eben in meiner Englischlehrerin.
Und wenn die nicht extra ordinary nett zu mir war, dann war das für mich ein Grund, nicht
mehr zu essen beziehungsweise wenig zu essen.
Und was ich heute weiß, ist, dass wenn ich hungrig war, ich mich natürlich auch nicht
mehr damit beschäftigen musste, dass ich einerseits natürlich nicht die Zuwendung bekommen habe,
die ich mir gewünscht hätte, wie auch, es ist ja nicht ihre Aufgabe gewesen.
Und andererseits eben auch, dass ich eher ein Außenseiter war und mich sehr einsam fühlte.
Und hungrig zu sein war somit eine schöne, willkommene Abwechslung, weil mit einem Knurren
und schmerzenden Magen ist es nicht mehr ganz so schwierig, sich, ja eben, oder muss man sich
halt einfach nicht mehr mit diesem emotionalen Schmerz auseinandersetzen, was letzten Endes
nur eine andere Form von Selbstverletzung war, die ja eben damals auch schon ein, ja,
ein regelmäßiger Bestandteil meines Lebens war.
Also es war eigentlich eine zweite Form von Selbstverletzung beziehungsweise Schmerzbetäubung,
weil diese Selbstverletzungen waren für mich ja auch nur ein Mittel, den inneren Schmerz
nicht fühlen zu müssen.
Und diese Muster, also eben gerade auch diese Funktion, sehe ich auch sehr häufig bei meinen
Kochis. Essen wird häufig zweckentfremdet und bekommt eine Aufgabe zugeschrieben, für
die es eigentlich gar nicht gemacht ist.
Und das wiederum fördert aber oft das Misstrauen dann auch zu bestimmten Lebensmitteln.
Also zum Beispiel das Gefühl, oh Gott, also wenn ich was Süßes esse, dann kann ich mich
da gar nicht bremsen.
Ja, das liegt aber gar nicht an den Süßigkeiten oder eben an dem Lebensmittel, was wir vielleicht
dafür verantwortlich machen, sondern damit, dass wir eben eine Aufgabe gegeben haben, nämlich
als emotionalen Lochstopfer, dies nicht erfüllen kann.
Das heißt, egal wie viel Süßes für Essen, nichts wird diese Leere füllen können.
Und das Misstrauen dieser Lebensmitteln gegenüber stärkt sich aber dadurch.
Oder Essen wird benutzt, um sehr negative Gefühle zu regulieren und eben nicht mehr spüren
zu müssen.
Eben wie auch bei mir vielleicht durch den starken Hunger.
Und wie sagte neulich eine Coachee zu mir, wenn ich so hungrig bin, dann muss ich mich
nicht damit beschäftigen, dass ich ausgeschlossen bin und nicht dazugehöre.
Und ich habe sie so, so gut verstanden und dachte mir, ja, das klingt vielleicht paradox
für jemanden, der nicht in einer Essstörung ist, aber wenn man das Gefühl selber durchlebt
hat, dann ist es so, so nachvollziehbar und gleichzeitig natürlich nicht die Lösung.
Und diese emotionale Funktion ist es, die bei den meisten eben, oder ja, eigentlich bei
den meisten Essstörungen auch den Kernaspekt ausmacht, weil die Essstörung uns einen scheinbar
sicheren Raum bietet, indem wir zum Beispiel Kontrolle erleben, wenn alles andere außer
Kontrolle erscheint.
Oder sie gibt uns eine Möglichkeit, mit diesen Gefühlen, die wir einfach nicht mehr fühlen
wollen, umzugehen, wenn wir keine anderen Bewältigungsstrategien haben.
Also ich wusste damals nicht, wie ich damit umgehen soll und sehe das auch sehr, sehr häufig
bei meinen Coaches auch in der Recovery, wenn Gefühle eben auch wieder hochkommen.
Weswegen zum Beispiel auch Gefühle fühlen, beziehungsweise überhaupt erstmal sie zu verstehen
und deuten zu lernen auch ein ganz wichtiger Bestandteil meines Coachings ist.
Außerdem sind Essstörungen, und wie gesagt, das macht sie auch zu so einem goldenen Käfig
auch, also sie geben uns oft eine Identität oder aber auch einen Status.
Und eine der stärksten Bindungen zur Essstörung entsteht, wenn sie Teil unserer Identität
geworden ist.
Und hierin liegt auch die sehr, sehr häufig formulierte Angst begründet, wer wir denn
eigentlich ohne die Essstörung sind.
Weil die Essstörung gibt uns natürlich eine Aufgabe, sie gibt uns Struktur, sie gibt uns
Halt und eben eine Identität.
Denn wir wissen genau, was zu tun ist und wie wir uns zu verhalten haben.
Und auch das Umfeld hat ganz, ganz häufig, also je mehr wir eben diese Verhaltensweisen
noch ausführen, ein ganz klares Bild von uns.
Wir sind zum Beispiel in den Augen der anderen und auch von uns selber, weil das Selbstbild
wird ja immer auch durch das Fremdbild beeinflusst.
Zum Beispiel die Sportliche oder die Dünne oder die Disziplinierte, die eben bestimmte
Verhaltensweisen ausführt.
Und wenn wir uns jetzt für die Recovery entscheiden und vielleicht diese Verhaltensweisen
nicht mehr machen, dann entsteht häufig eine Leere.
Und auch das ist eine sehr, sehr häufige Angst, die ich höre, nämlich die Angst, in eine
Leere zu fallen.
Weil wer bin ich denn, wenn ich nicht mehr jeden Tag x Schritte laufe?
Also zum Beispiel dann nicht mehr so diszipliniert und so sportlich bin im Fremdbild.
Und was mache ich dann eigentlich mit der ganzen Zeit, die plötzlich frei wird?
Also ganz häufig treten eben genau dann auch Gefühle von Leere und Sinnlosigkeit auf, die
natürlich erstmal wieder gefüllt werden wollen.
Bei mir persönlich war es so, dass ich schließlich ja doch Gewicht verlor und zum ersten Mal
untergewichtig geworden bin nach 13 Jahren.
Und das war ja etwas, was ich nie geschafft hatte.
Das heißt, selbst wo ich in Kliniken war, war ich immer im Normalgewicht und damit nie
im Radar, ja, so wie die anderen Magersüchtigen oder Bulimiekranken.
Und irgendwie hatte ich in dem Moment, wo ich das erreicht hatte, also für mich fühlte
sich das, obwohl es ja so paradox ist und eigentlich nichts, was gesund ist, aber für mich fühlte
sich das an wie ein Erfolg.
Und ich war damals sehr, sehr stolz darauf, denn ich hatte das Gefühl, ich hatte was erreicht,
was ich erstens selber viele Jahre nicht konnte und zweitens, was auch viele andere
nicht konnten.
Und hier zeigt sich auch, dass Erstörungen ganz oft auch so Charaktereigenschaften hervorbringen,
die vielleicht gar nicht unsere eigenen sind, beziehungsweise nicht unsere Kernwerte,
weil, und das tut mir bis heute leid und war auch echt eine Eigenschaft, die ich an
mir nicht mochte, ich habe sogar auf andere herabgesehen, die nicht so diszipliniert waren
wie ich oder die an Buffets oder bei Partys nicht widerstehen konnten.
Also ich hatte immer, und das gab mir eben in meiner Erstörung auch so ein Gefühl von
Überlegenheit, wo ich mich sonst eher unterlegen gefühlt habe.
Also siehe eben auch mein niedriger Selbstwert.
Und es gab mir eben eine neue Identität.
Ich war plötzlich die Disziplinierte, die Willensstarke, die sich gesund ernährende und fühlte
mich besonders und eben auch irgendwie zum ersten Mal wichtig, wenn ich zum Beispiel
dann auch gefragt wurde.
Also es waren viele Menschen, gerade eben auch dann so in dieser Modelzeit, die auf mich
zukamen und mich nach Ernährungs- und Abnehmtipps gefragt haben.
Das war natürlich ein schönes Gefühl, weil ich wurde auf einmal im Rat gefragt.
Ich hatte eine Expertise.
Ich hatte etwas, was andere wollten und das hat sich gut angefühlt.
Und wenn wir an dieser Identität festhalten und uns darüber definieren, dann entsteht
natürlich die beängstigende Frage, ja, wer bin ich denn dann ohne meine Erststörung?
Was bleibt eigentlich von mir, wenn dieser Teil wegfällt?
Und diese Fragen machen das Loslassen unglaublich schwer.
Ja, und was auch noch hinzu kommt, gerade eben in einer Gesellschaft, die Dünnsein ja
mit Gesundheit, mit Leistung und Disziplin gleichsetzt, ist die Angst vor dem Ausschluss
aus Selbega.
Und es ist unglaublich schwer und ich finde es auch unglaublich mutig und sagt das auch
meinen Coaches immer wieder.
Ich sage, es ist das Mutigste, was man tun kann, in dieser Gesellschaft genau das
Gegenteil zu tun.
Also sich auszuruhen, wo andere sich ständig mit Leistungen und Durchpushen definieren
und zuzunehmen, wo die meisten irgendwie, siehe auch mal eine Folge zu Skinny Talk, versuchen
abzunehmen und sich heilen zu lassen, den Körper wirklich seinen Happy Place finden
zu lassen.
Das ist verdammt stark und mutig, aber leider sehen wir das von außen nicht so und bekommen
es leider von der Gesellschaft her auch nicht so gespiegelt.
Und das natürlich schürt wiederum die Angst, ausgeschlossen zu werden.
Und die sitzt besonders tief, gerade wenn man vielleicht schon Erfahrungen mit Ausgrenzung
oder sogar Mobbing gemacht hat, was ja häufig auch ein Puzzlestück beim Entstehen einer
Essstörung ist.
Und dann gibt es noch die sehr verborgenen Vorteile der Erkrankung.
Also ich glaube, für viele, die das echt sich nicht vorstellen können oder keine Essstörung
haben, ist es wirklich wahnsinnig schwer zu verstehen.
So dieses, was soll jetzt der Vorteil sein?
Und vielleicht fragst du dich selber das auch so.
Ja, was ist jetzt der Vorteil daran, eine Essstörung zu haben?
Und ganz, ganz viel davon passiert tatsächlich unterbewusst, weil, und ich habe es ja schon
angedeutet, es sind eben verborgene oder versteckte Vorteile, also Dinge, die wir durch die Erkrankung
bekommen, die wir sonst vielleicht nicht bekommen würden.
Und diese Vorteile sind meistens unbewusst, aber sie verstärken eben den Widerstand gegen
die Veränderung.
Also unser Gehirn mag ja, also selbst bei gesunden Menschen, mag ja eh schon keine Veränderung.
Und wenn wir dann auch noch Vorteile verlieren oder gefühlte Vorteile, weil oft kommen sie auch
mit einem ganz schönen Bumerang.
Aber wie gesagt, es geht um das Gefühl, dann hilft das natürlich nicht gerade zu sagen,
yay, und jetzt lasse ich meine Essstörung los, selbst wenn ich es so, so sehr will.
Und dadurch, dass das unterbewusst stattfindet, merken wir das teilweise nicht mehr oder sehr,
sehr häufig nicht und müssen das eben erstmal bewusst machen.
Bei mir persönlich hat sich zum Beispiel durch die Magersuchtdiagnose eben dann mit Anfang
30 einmal komplett alles verändert.
Also mein Umfeld hat sich sehr verändert.
Zum Beispiel habe ich auf Arbeit auf einmal sehr viel Mitgefühl bekommen.
Mir wurde auf einmal Zeit gegeben, gesund zu werden.
Niemand hat mehr verlangt, dass ich leiste.
Und jedem war klar, nee, also so wie sie aussieht, also ich sah wirklich aus wie das Leiden
Christi und habe auch nichts dafür getan, anders aus zu sein.
Aber jedem klar, nee, so kann die nicht arbeiten.
Also so kann sie nicht im Kleinkindbereich Kinder stemmen.
Ich habe das wirklich damals so genannt.
Es tut mir so leid, falls das ehemalige Eltern hören.
Aber das war auch sowas.
Ich habe wirklich meinen Job eigentlich häufig auch gesehen als etwas, wo ich Kalorien
verbrennen konnte.
Und ich hatte selber eben auch nach der Diagnose und wie gesagt auch gerade durch die Reha,
in der ich ja wegen dem Trauma war, auf das ich nachher auch nochmal eingehen werde,
weil das war auch ein wichtiges Puzzlestück in dem, was es mir so schwer gemacht hat,
die Essstörung loszulassen.
Ja, es ist mir einfach unglaublich schwer gefallen, dann zu sagen, okay, man sieht es mir jetzt
halt, also man hat es mir einfach auch angesehen, weil diese ganze Arbeit daran so an mir gezerrt
hat, dass ich selber Angst bekommen habe und gedacht habe, so Scheibe, wie soll ich jetzt
verantwortungsbewusst diesen Job noch machen?
Also ich habe wirklich dann selber auch die Gefahr gesehen.
Und ja, letzten Endes auch, also es waren sogar auch Eltern in der Kita damals, die schon
auch gemerkt haben, so hey, mit ihr stimmt was nicht oder Kinder, die mich angesprochen
haben.
Und ich habe das immer weggedrückt, bis eben zu diesem Moment mit der Diagnose, wo ich keine
Alternative mehr hatte und einfach nicht mehr arbeiten gehen durfte.
Und als das eben jedem klar war, hatte ich zum allerersten Mal, für ich, deren Lieblingssatz
war, ich muss funktionieren, so eine Riesenerleichterung, weil ich durfte endlich einmal locker lassen.
Ich musste nicht mehr funktionieren, musste nicht mehr leisten und hatte das Gefühl, ich darf
endlich auch mal schwach sein.
Und auch im familiären Umfeld gab es für mich, also gefühlt, wie gesagt, ich glaube,
meine Mama würde das jetzt nicht so bestätigen, aber wie gesagt, darum geht es auch gar nicht,
sondern es ging um das Gefühl und ich hatte irgendwie das Gefühl, dass sie auf einmal
sehr viel fürsorglicher war.
Also zumindest habe ich das so erlebt und ich hatte das Gefühl, wie gesagt, ich war ja
die ältere Schwester mit neun Jahren, Altersunterschied und damit immer die Große.
Und irgendwie hatte ich mit dieser Diagnose auf einmal das Gefühl, hey, ich darf mal die
Kleine sein, wo ich als große Schwester ja immer gewohnt war, die Vernünftige zu sein,
wo eben davon ausgegangen ist, dass ich ja die Große bin und deswegen, ja, bestimmte
Dinge einfach nicht so machen sollte, wie es die Kleine halt machen darf.
Und irgendwie war das wie so ein Rollentausch.
Also ich war auf einmal nicht nur körperlich kleiner, also meine kleine Schwester ist
ein Kopf größer als ich und ja, war eben auf einmal auch gefühlt, also zierlicher,
weil sie mit meiner Schwester ist auch vom Körpertyp und einem, also ist ganz anders
als ich. Und irgendwie war das für mich wie so ein Rollentaus und ich hatte das Gefühl,
ich werde endlich auch mal umsorgt, gesehen und das war einfach schön.
Weil nach Jahren, in denen ich mich nicht zugehörig gefühlt hatte, hatte ich endlich
die Aufmerksamkeit und die Fürsorge, nach der ich mich so, so lange gesehnt habe, aber
eben auch zu einem sehr, sehr hohen Preis.
Und der Gedanke, die Essstörung loszulassen und damit ja auch wieder gesund auszusehen,
die hat mir eine Riesenangst gemacht, weil ich irgendwie gefühlt hatte, hm, ich weiß
nicht, ich bin jetzt nicht so sicher, ob ich bereit bin, diesen Vorteil, also der war mir
irgendwann dann schon bewusst, wieder herzugeben.
Und ich wollte ihn eigentlich gern noch ein Stückchen länger auskosten.
Und gleichzeitig habe ich gemerkt, Mensch, aber dir läuft die Zeit davon, weil wenn du
nicht gesund wirst und dich nicht ein bisschen damit beeilst, du hast nur noch ein Jahr Zeit,
dann, ja, dann wird das halt nichts.
Und somit musste ich in Kauf nehmen, diesen erst unbewussten, dann langsam bewusster werdenden
Vorteil, ja, auch ein Stück weit wieder loszulassen, beziehungsweise in Kauf zu nehmen, dass er
vielleicht wieder verschwindet.
Weil, jetzt rückblickend betrachtet, muss ich sagen, es hat sich einfach nur verändert.
Und diese unbewussten Vorteile, sei es jetzt zum Beispiel mehr Aufmerksamkeit oder weniger
Erwartungen, Entlastung von Druck oder eine besondere Rücksichtnahme, die können eine
starke unbewusste Motivation sein, an der Essstörung festzuhalten, obwohl wir rational
eben eigentlich genau wissen, nee, ich will da raus.
Und was ich häufig in der Arbeit mit meinen Coaches vorfinde oder erlebe, ist, gerade
bei älteren Klienten, die schon viele Jahre mit der Essstörung leben und diese Vorteile
vielleicht auch irgendwann einmal hatten, weil gerade am Anfang, wenn die Essstörung neu
ist und das Umfeld da auch noch anders drauf reagiert, weil es eben besorgt ist, dann kann
das irgendwann mit der Zeit und wenn wir eben schon viele, viele Jahre oder Jahrzehnte
auch in der Essstörung leben, irgendwann wegfallen.
Und das erlebe ich eben häufig gerade bei meinen älteren Klienten.
Ich sage immer so ab Ende 30, Anfang 40 oder darüber hinaus.
Und die Familien gewöhnen sich einfach irgendwann daran oder auch Partner gewöhnen sich einfach
irgendwann daran, denn niemand schafft es, also wirklich, man kann das auch nicht schaffen.
Das ist auch ein Schutzmechanismus für gesunde Menschen, sich über Jahre oder Jahrzehnte
dauerhaft Sorgen zu machen und einen wie ein rohes Ei zu behandeln.
Und spätestens, wenn die Familie vielleicht oder gewisse Familienangehörige sterben oder
wir plötzlich dann eben auf uns selbst zurückgeworfen sind, wo wir uns sonst vielleicht noch aus
der Verantwortung ziehen konnten oder wo sonst vielleicht Rücksicht genommen wurde und
wir plötzlich mit dem Berg Verantwortung dastehen, einfach weil uns das Leben das um die
Füße wirft, dann kann das extrem frustrierend sein.
Aber, weil wie gesagt, das ist ja eigentlich nie dafür gemacht worden und es ist ganz logisch,
dass diese Aufmerksamkeit irgendwann nachlässt, weil niemand das wie gesagt schafft und durchhalten
kann.
Also ich habe da auch hohes Mitgefühl für Angehörige und sage auch meinen Coaches, dass
ganz oft die so frustriert darüber sind, dass es nicht böse gemeint ist, sondern einfach
wirklich ein Schutzmechanismus für Angehörige, dass das auch eine wahnsinnige Motivation sein
kann, eben zu sagen, okay, ich gehe jetzt wirklich in die Recovery oder ich hole mir jetzt das,
was ich mir bisher über das Außen geholt habe, selber in mein Leben, also auch Stichwort
Selbstwirksamkeit.
Und das ist eben für viele meiner, gerade auch älteren Coaches, häufig auch eine Motivation
in die Recovery zu gehen und zu sagen, so okay, den Benefit, den habe ich jetzt auch nicht
mehr und irgendwie hat meine Essstörung langsam mehr Nachteile als Vorteile.
Ich will jetzt was anderes und ich gehe jetzt los.
Deswegen sind auch viele, beziehungsweise im Moment sogar die meisten meiner Coaches eher
Ende 30 bis Anfang 60.
Das heißt, es ist auch nie zu spät, mit der Recovery zu starten und es lohnt sich an jedem
Punkt.
Aber kommen wir zu einer weiteren Funktion und zwar, und das ist jetzt eine, die für mich
sehr, sehr heftig war, der Körper als Kommunikationsmittel.
Und das ist auch ein Aspekt, der das Loslassen, wie gesagt, sehr erschweren kann, nämlich dann,
wenn der Körper ebenso wie das Essen, also es geht, wie gesagt, fürs Essen, wenn das
eine Funktion übernimmt, für die es eigentlich gar nicht gemacht war, ebenso wie der Körper
als ein Kommunikationsmittel eingesetzt wird.
Was meine ich damit?
Also besonders, wenn wir Schwierigkeit haben, unsere Bedürfnisse und oder auch Grenzen
verbal auszudrücken, also sprachlich oder uns abzugrenzen, Nein zu sagen, dann kann der
Körper diese Rolle übernehmen.
Bei mir war es so, dass mein Körper für mich zu einem starken Ausdrucksmittel wurde
und zwar, ja, ging es mir viele Jahre darum, dünner und damit auch schöner zu sein.
Also so das, was das klassische Klischee ist, sie will ja nur schlank sein oder sie will
ja nur hübsch sein.
Und das ist aber eigentlich nur die Oberfläche.
Also ja, während ich gemodelt habe, war das natürlich auch ein wichtiger Bestandteil.
Und was aber eigentlich der Kern wurde, wie gesagt, deswegen war es auch in dieser
Zeit nie so schlimm und nie so im Extrem, wie es das später war, obwohl es wie gesagt
nie gut war.
Also es ging mir nie wirklich gut.
Die Erstörung war immer ein Teil meines Lebens, aber es war halt auch nicht so schlimm, wie
zu dem Zeitpunkt, als mein Körper diese Funktion für mich übernommen hat.
Denn nach mehreren traumatischen Ereignissen mit meinem Exfreund, also wirklich einer Person,
die für mich die Vertrauteste überhaupt war und die ich über alles geliebt habe, wurde
mein Körper zu einem Mahnmal und damit eben auch Ausdrucksmittel dafür, dass etwas passiert
war.
Und ich werde da jetzt nicht tiefer ins Detail gehen, aber ich denke, man kann sich es vielleicht
denken.
Ich hatte damals aufgrund dieser Erlebnisse, die eben im Privaten passiert sind, eine
Riesenangst, dass man mir nicht glauben würde.
Und diese Angst, die auch noch bestätigt wurde durch Erfahrungen mit unserem Justizsystem,
also wirklich, ich kann wirklich immer noch nur den Kopf schütteln.
wie da vorgegangen wurde, weil diese Angst wurde eben genau dadurch sowas von krass
verstärkt.
Also wirklich, wie man mit, ich nenne es jetzt einfach mal sowas, ich fühle mich heute nicht
mehr als solches, aber wie man mit Opfern von solchen traumatischen Erlebnissen umgeht,
ist wirklich, also ich verstehe, warum das nicht zur Anzeige gebracht wird.
Und gleichzeitig habe ich mich damals mit Unterstützung auch dafür entschieden, es dann doch zur Anzeige
zu bringen, als ich gemerkt habe, ich schaffe es nicht, mich aus dieser Beziehung zu lösen
und ich kann mich selber nicht beschützen.
Und gleichzeitig habe ich mich eben dann aufgrund dieser Erfahrungen mit dem Justizsystem und
aufgrund der Erfahrungen an sich schon unglaublich ohnmächtig gefühlt.
Und unterbewusst habe ich immer gedacht, hey, also mit dem Körper einerseits, das
mir sowieso, ich meine, mein Hungergefühl, das war einfach weg.
Also es war nichts mehr da.
Mein ganzer Körper hat einfach nur noch in Notmodus geschalten.
Das heißt, es war eh schon weg.
Dann habe ich abgenommen.
Und dann kam die Reaktion auch vom Umfeld, dass ich eben auf einmal Kommentare bekommen
habe von, naja, jetzt sieht es aber nicht mehr schön aus.
Also wie gesagt, mit Schönheit hat es dann lange nichts mehr zu tun.
Und ich habe mir aber unterbewusst gedacht, hey, wer so schlimm aussieht, dem muss man doch
glauben.
Das macht doch niemand aus Spaß.
Das muss man doch sehen.
Also mein Körper leidet, dann muss man doch auch mein emotionales Leid sehen.
Und hinzu kam eben auch, dass das Nicht-Essen, beziehungsweise das war dann so die Phase auch,
in der ich extrem in die Orthorexie abgerutscht bin.
Denn diese extreme Kontrolle über die Art der Lebensmittel, die ich noch essen durfte,
mir wiederum ein Gefühl von Sicherheit nach dieser Unmachtserfahrung gegeben hat.
Also ich habe kontrolliert, was in mich rein oder rauskommt, wie viel ich esse, was ich
esse, wie diese Lebensmittel zubereitet werden müssen.
Und das gab mir Halt und auch ein Stück Kontrolle wieder.
Und gleichzeitig, wie gesagt, dadurch, dass der Körper ja das erste Mal ins Untergewicht
gekommen ist und man es jetzt eben wirklich auch nach außen gesehen hat, dass das kein gesunder
Zustand mehr war, hätte eine Gewichtszunahme damals für mich bedeutet, hey, es geht mir
wieder gut.
Aber emotional war ich ja noch lange nicht geheilt, habe ich mich noch lange nicht so
gefühlt.
Und dann stand, wie gesagt, auch noch dieser Gerichtsprozess im Raum.
Und es hat drei Jahre gedauert zwischen Anzeige und Gerichtsprozess, bis es endlich dazu
kam.
Das heißt drei Jahre, in der ich im Ungewissen war, in dem ich die Erfahrung gemacht hatte,
dass Täter mehr geschützt werden als Opfer, wo ich einfach in Angst gelebt habe von, wie
geht das aus?
Wie komme ich da raus?
Was, wenn man mir nicht glaubt?
Und ich hatte einfach Angst, dass der sichtbare Heilungsprozess den inneren Schmerz unsichtbar
machen würde.
Und diese Angst hat sich sogar ein Stück weit bestätigt.
Bestätigt.
Also mir wurde zwar vor Gericht zum Glück geglaubt, was wahrscheinlich weniger an mir
lag, sondern eher an der anderen Partei.
Aber darauf will, um den geht es jetzt gar nicht.
Sondern es ist heutzutage einfach gerade eben, wenn es um Dinge wie häusliche Gewalt
geht, nicht selbstverständlich, weil es gibt einfach keine Zeugen.
Und dass mir geglaubt würde, ist, wie ich jetzt rückblickend erfahren habe, sogar absolut
nicht selbstverständlich.
Das heißt, hier hatte ich mehr oder weniger Glück im Unglück.
Aber was zum Beispiel passiert ist, weil aufgrund des Titels, wie man das so schön
nennt, bekam ich auch eine Opferentschädigungsrente, die aber weggefallen ist, sobald ich aufgrund
des erreichten Normalgewichts, also während meiner Recovery, die Diagnose Anorexie dann
aberkannt bekommen habe.
Was ich aber ja immer noch hatte, war die posttraumatische Belastungsstörung und eben andere
Begleiterscheinungen.
Denn, also, auch wenn ich es damals, also ich habe es damals wirklich als unglaublich
ungerecht empfunden und auch, also es war wirklich für mich sehr retraumatisierend
zu erleben, okay, ich habe mich jetzt aus meiner Essstörung ein gutes Stück weit
rausgekämpft und war, wie gesagt, mental ja auch noch nicht an dem Punkt, wo ich gesagt
habe, okay, mir geht es jetzt wirklich wieder blendend oder es ist jetzt alles weg, wie
gesagt, und von der posttraumatischen Belastungsstörung ganz zu schweigen, weil die war ja immer
noch da, aber der schwere Grad sozusagen der Schädigung, wie man das so schön nennt,
der war eben weg, als ich nicht mehr im Untergewicht war.
Und damit wurde diese Opferentschädigungsrente gestrichen.
Und das hat sich angeführt, also in diesem Moment zumindest, als würde ich zum zweiten
Mal zum Opfer werden.
Und gleichzeitig war aber auch genau das der Wendepunkt, an dem ich entschieden habe, hey,
okay, offiziell werde ich nicht mehr als Opfer betrachtet, weil anders war das für mich
damals nicht deutbar.
Und gleichzeitig habe ich mir gedacht, hey, und ich will auch kein Opfer mehr sein.
Ich will mich nicht mehr als Opfer betrachten.
Ich will nicht mehr diejenige sein, die ihr Leben wegwirft, damit nur, um als Mann mal
durch die Gegend zu rennen und auszudrücken, hey, mir ist was passiert.
Also in diesem Moment, wo das weggefallen ist, also nach der Wut und auch der Trauer darüber
beziehungsweise der Entrüstung kam dann ein, okay, ich will auch gar kein Opfer mehr sein.
Und ich habe mir dann gedacht, ja, mir ist etwas passiert.
Und ja, ich habe auch bis heute mit den Folgen davon zu kämpfen.
Aber nein, ich lasse das nicht mehr mein weiteres Leben bestimmen und ich sehe mich nicht mehr
als Opfer der Umstände, sondern ich erschaffe mir jetzt trotzdem und gerade deswegen das Leben,
welches ich wirklich leben will, indem mir solche Dinge eben nicht mehr passieren, indem
ich resilient werde, indem ich andere Menschen anziehe beziehungsweise nicht mehr anfällig
bin, auch immer wieder in solche Strukturen zurückzukehren.
Weil ja, einfach aufgrund der ganzen Art und Weise, wie ich war, aufgrund meiner alten Identität
habe ich auch sehr dazu geneigt, eben immer wieder in Beziehungen zurückzukehren und auch in diese
Beziehungen sogar noch einige Male zurückzukehren, weil ich es nicht geschafft habe, loszulassen,
was an meiner alten Identität hing.
Das heißt, die Recovery, die Identitätstransformation, die ich damit vollzogen habe und eben auch
diese Entscheidung und dieses neue Bild von ich sehe mich nicht mehr als Opfer und ich
will keins mehr sein, die hat mir geholfen, letzten Endes auch meinen Körper als Ausdrucksmittel
und ja, letzten Endes auch so ein bisschen als Schutz vom Leben loszulassen.
Und diese Angst, den Körper als Ausdrucksmittel und eben vielleicht auch als Schutz zu verlieren,
die sehe ich auch sehr häufig bei meinen Coachis.
Also es muss jetzt gar nicht um solche Ereignisse sich handeln, aber auch für sie ist ihr Körper
oft zum Ausdrucksmittel für zum Beispiel ihre Grenzen geworden oder er dient als Schutz
vor Überforderung, zum Beispiel weil man eben zerbrechlicher aussieht, verletzlicher aussieht
oder vielleicht auch weniger angreifbar, wenn man in einem mehrgewichtigen Körper ist.
Es kann ja auch ein wahnsinniger Schutz sein, zu sagen, okay, ich habe mir jetzt hier
so einen Schutzpanzer zugelegt und da kommt keiner mehr an mich ran.
Oder wenn der Körper vielleicht auch als Erlaubnis dient, nicht mehr so viel leisten zu müssen
oder eben, auch das habe ich bei Coachis schon erlebt, deswegen wir haben ja auch wahnsinnig
viele Komorbiditäten, weshalb ich immer empfehle, auch einen Therapeuten mit an Bord zu haben.
Also Coaching ist immer als Ergänzung gedacht und wie gesagt, dadurch, dass häufig Komorbiditäten
auftreten, wie eben auch Traumata, Depressionen oder Selbstverletzungen, ist es da immer hilfreich,
auch jemanden an der Seite zu haben.
Und ich erlebe es, wie gesagt, auch häufig, dass auch der Körper eben als Mahnmal für
alte Verletzungen und als Ausdruck dieser alten Identität eben oder eben noch der aktuellen
Identität genutzt wird.
Und wie man bei mir gesehen hat, ist die Angst, bestimmte Teile davon zu verlieren, auch gar
nicht ganz unbegründet.
Das heißt, ja, der physische Körper heilt letzten Endes viel, viel schneller als die
Seele.
Und genau deshalb ist es aber auch so wichtig, und das ist das, was in Kliniken so oft zu
kurz kommt, nicht nur die körperlichen Begleiterscheinungen zu behandeln, sondern den Menschen als Ganzes.
Denn Essstörungen sind, und ich werde es nicht müde, das zu wiederholen, keine Gewichtskrankheit.
Sie haben so, so viel tiefer liegende Ursachen und Hintergründe und eben Funktionen.
Und die gilt es zu berücksichtigen und aufzuarbeiten.
Und auch bei mir war es so, dass ich sehr schnell anders behandelt wurde.
Also ich habe ja auch gesagt, dass es sich auf mein Umfeld anders ausgewirkt hat, sei es
jetzt Familie oder Arbeit.
Und auf Arbeit war es zum Beispiel bei mir so, dass als mein Gewicht sich wieder dem
Normalbereich näherte und ich aufgrund der mentalen und inneren Arbeit, die ich gemacht
habe, natürlich auch eine andere Ausstrahlung bekommen habe, auf einmal dieses Mitgefühl und
die Vorsicht meiner Kollegen und dieses, wir behandeln die so ein bisschen mit ein rohes
Ei, sich super schnell umgekehrt hat.
Also dann kamen eher so Sprüche wie, ja warum arbeitet sie denn jetzt nicht wieder voll?
Sie sieht ja viel besser aus.
Also es ist sehr, sehr schnell in ein Unverständnis umgeschlagen.
Und genau hier durfte ich lernen, für mich einzustehen.
Und das war eines der wichtigsten Learnings überhaupt.
Und deswegen bin ich irgendwie auch ganz dankbar, dass das passiert ist, auch wenn es damals
verdammt hart war.
Aber ich habe genau an dieser Stelle gelernt, mich selbst wichtig und ernst zu nehmen.
Und Recovery, und das ist mir damals so, so bewusst geworden, ist ein innerer Prozess,
der niemals im Außen zu sehen ist und den viele Außenstehende oder die meisten eigentlich
weder sehen noch verstehen können.
Und ich weiß, wir wünschen uns Verständnis, so, so sehr.
Aber Menschen, die damit nichts zu tun haben, beziehungsweise das nicht kennen, denen wird
es unglaublich schwer fallen, beziehungsweise es wird unmöglich sein.
Und ich als systemischer Coach und Identity Transformation Coach schaue eben sehr, sehr tief
auch auf mein Gegenüber und sehe die Essstörung nur als ein Symptom für etwas viel tiefer
Liegendes, was einfach neue, gesunde Alternativen braucht.
Und letzten Endes aber auch, und das ist die unglaubliche Chance und auch das unglaublich
Schöne darin, eine enorme Persönlichkeitsentwicklung ermöglicht.
Ja, und damit kommen wir so langsam zum Abschluss dieser Folge.
Letzten Endes, wie gesagt, habe ich ja gesagt, diese Essstörung ist ein bisschen wie ein
goldener Käfig.
Also sie gibt einerseits Schutz, Struktur und hat gewisse Vorteile, aber sie nimmt uns auch
die Freiheit.
Sie hilft uns vielleicht, schwierige Gefühle zu regulieren.
Sie gibt uns eine Identität und lässt uns Aufmerksamkeit und Fürsorge bekommen, die
wir sonst vielleicht vermissen würden oder für die wir noch keine anderen Wege gefunden
haben, sie zu bekommen.
Und unser Körper wird zum stillen Kommunikationsmittel für das, was wir vielleicht nicht aussprechen
können.
Und Essen ist nicht mehr nur Nahrung und Genuss, sondern ein Instrument für etwas, wofür es
nie gedacht war.
Und all diese Funktionen machen es so, so schwer, die Essstörung loszulassen.
Selbst wenn wir unter ihr leiden, selbst wenn wir vielleicht schon entschieden haben, nee,
ich will sie loswerden.
Aber diese Dinge, die wirken unterbewusst.
Und es geht nicht einfach nur darum, schlechte Gewohnheiten loszulassen, sondern es ist eben
wirklich eine komplexe psychologische Veranstaltung, wenn wir das mal so nennen würden.
Und diese Bedürfnisse eben wirklich auch zu erkennen, anzuerkennen und neue Wege zu finden,
sie zu erfüllen.
Genau das ist die Aufgabe in der Recovery.
Und wenn du sagst, hey, ich wünsche mir Unterstützung auf meinem Weg, um die Essstörung loszulassen
und die tieferen Zusammenhänge zu verstehen, aber eben auch aufzuarbeiten, dann kann ein systemischer
und ein identitätsbasierter Ansatz, so wie ich ihn eben auch habe, für dich sehr, sehr
hilfreich sein.
Denn in meinen 1 zu 1 Coachings betrachten wir gemeinsam nicht nur die Essstörung selber,
also nicht nur die Symptome.
Klar, es geht natürlich auch ums Essen, aber ich bin manchmal echt überrascht, wie wenig
es eigentlich ums Essen geht, weil, wie gesagt, Wissen hast du.
Ich weiß, dass du wahnsinnig viel Wissen hast, sondern es geht eben auch um dein Umfeld.
Wie recovery ich in dem Umfeld, in dem ich bin?
Wie gehe ich mit den Reaktionen meines Umfelds um?
Was passiert mit meiner Identität?
Wie kann ich eine entwickeln, die mehr dem dient, wie ich sein möchte?
Und wir entwickeln eben darin in dem 1 zu 1 Coaching auch ganz praktische, umsetzbare
Strategien für deine ganz individuelle Situation.
Und wenn du mehr darüber erfahren möchtest, dann kannst du auch gerne in den Link in den
Shownotes einen kostenfreien Discovery Call buchen und dort schauen wir einerseits, wo
du stehst und finden aber auch gemeinsam heraus, ob mein Ansatz zu dir passt, wo du hin
möchtest und wie ich dich dabei eben auch unterstützen kann.
Denn eins ist sicher, mit der richtigen Unterstützung ist der Weg aus dem goldenen Käfig deutlich
leichter.
Und in der nächsten Folge werden wir uns ansehen, warum der Weg in die Freiheit, wenn
wir ihn denn wirklich dann auch gehen, zunächst erstmal durch mehr Dunkelheit führt und ja,
vielleicht sich auch da erstmal so anfühlt, wie er sich vielleicht oder wie wir denken,
wie er sich vielleicht nicht anfühlen sollte, aber warum das auch ganz normal ist.
Und wir werden über das paradoxe und aber auch schmerzhafte und ebenfalls hinderliche
Phänomen sprechen, dass Recovery sich zunächst erstmal wie eine Verschlechterung anfühlen
kann, bevor es besser wird.
Deswegen sei unbedingt beim nächsten Mal wieder mit dabei und ich danke dir fürs Zuhören
und bis zum nächsten Mal.
Vielen Dank, dass du dir Zeit für eine Tasse Reality mit mir genommen hast.
Ich hoffe, diese Folge hat einen kleinen positiven Unterschied in deinem Tag gemacht.
Mit deiner Fünf-Sterne-Bewertung kannst du genau diesen Unterschied auch im Leben anderer
lebenshonkeliger Frauen bewirken, die diesen Podcast noch nicht gefunden haben und sich
ebenfalls nach einem Leben in Freiheit und Authentizität sehnen.
Ich danke dir von Herzen und freue mich, auf Instagram mit dir in Kontakt zu bleiben.
Alle Links findest du in den Shownotes.
Bis zum nächsten Mal.
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